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Vortrag vom 10. Juni 1997 am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen, Jena (*)
»economics is helplessly behind the times«
T. Veblen, »Why is Economics Not an Evolutionary Science«
1 Duale Psychologie und wirtschaftliche Dynamik bei Schumpeter
2 Zur Genietheorie
3 Handeln und Verhalten
4 Handlungsprogramm und Gewohnheit
5 Ökonomische und soziale Vernetzung
6 Reproduktive Gewohnheitssysteme und sozialer Überschuß
7 Sozialer Überschuß und Preissystem
8 Kaufmännische Ratio und kreative Destruktion
9 Schlußbemerkung
| Zusammenfassung:
Bei Schumpeter gründet die Differenz zwischen Dynamik und Statik in der Annahme zweier psychologischer Typen, dem gewöhnlichen Wirtschaftssubjekt und dem dynamischen Unternehmer. Im vorliegenden Text wird die These vertreten, daß Gewohnheitsbildung und kreative Veränderung dagegen untrennbare Aspekte jeder Handlung sind. Hierzu wird die neue Kategorie des »Handlungsprogramms« eingeführt. In sozialer und ökonomischer Vernetzung bilden Handlungsprogramme und ihre Veränderung die Basis von Preissystemen und jenes monetären Überschusses, der als Lohnsteigerungen, Zins und Gewinn in verschiedenen Einkommensformen erscheint. Der letzte Teil versucht zu zeigen, wie in modernen Marktwirtschaften fast alle Handlungsprogramme von der kaufmännischen Rationalität - selbst ein zu einer Gewohnheit gewordenes Handlungsprogramm - überlagert werden. Aus dieser Überlagerung erwächst die endlose Tendenz, Gewohnheitssysteme zu verändern oder zu zerstören - auch und besonders die »Gewohnheiten der Natur«. |
1 Duale Psychologie und wirtschaftliche Dynamik bei Schumpeter
Das »starke Handeln«, das »Schaffende inmitten des Zufälligen«, die »Lust am Kommenden«, das war für Nietzsche das psychologische Bild eines kreativen Menschen. Nietzsche sah auch, daß darin ein negatives Moment gegen alles Überkommene liegt: »Wir müssen Zerstörer sein!«(1) Es ist nicht schwer, Schumpeters Portrait des dynamischen Unternehmerswiederzuerkennen.
Bei Schumpeter besteht für den dynamischen Unternehmer das »Definitionskriterium einfach darin, Neues zu tun oder etwas, was bereits gemacht wird, auf eine neue Art zu machen (Innovation).«(2) Die Psychologie des dynamischen Unternehmers wird von ihm vor allem durch den Begriff der »Führerschaft« charakterisiert. »Führerschaft hat nur dort eine Funktion, wo es Neues, nicht schon erfahrungs- und routinegemäß zu Erledigendes durchzusetzen gibt.«(3) Der Unternehmer wird in dieser Führungsrolle auch vom Kapitalisten, von der »Kapitalistenfunktion«(4) streng unterschieden. Die Funktion des Kapitalisten ist eine rein passive: Er trägt das Risiko.(5) Der Unternehmer unterscheidet sich grundlegend vom Kapitalisten und vom Konsumenten. Er ist als Innovator ein besonderer Typus von Wirtschaftssubjekt neben den gewöhnlichen Wirtschaftssubjekten. Es gibt für Schumpeter deshalb »zwei Typen von Wirtschaftssubjekten«(6).
Damit basiert die für seine dynamische Theorie der Wirtschaft entscheidende Differenz im wirtschaftlichen Handeln auf einer dualen psychologischen Typenlehre.(7) Die wirtschaftliche Dynamik unterscheidet sich von der Statik, weil es neben Menschen, die nur ihren Gewohnheiten folgen - Schumpeter spricht vom »Absolvieren des Kreislaufs in gewohnter Bahn«(8) - den kreativen, den schöpferischen Menschen gibt: den dynamischen Unternehmer.(9)
Bereits Schumpeters Lehrer Böhm-Bawerk hatte versucht, eine eigene Theorie der Gegenwartsvorliebe zu formulieren und damit eine psychologische Grundlage der Ökonomie zu schaffen - nicht ohne zu bedauern, nicht auf die Fachpsychologie zurückgreifen zu können.(10)Auch in der historischen Schule war man der Auffassung:
»Die Psychologie ist uns der Schlüssel zu allen Geisteswissenschaften und also auch zur Nationalökonomie.«(11)
Schumpeter argumentierte hier etwas differenzierter, doch auch er sagte eindeutig:
»Die Psychologie ist tatsächlich die Grundlage, von der jede Sozialwissenschaft ausgehen muß und in deren Begriffen sich alle grundlegenden Erklärungen bewegen müssen.«(12)
Er verwahrte sich nur gegen einen Reduktionismus, der wirtschaftliche Phänomene ausschließlich psychologisch interpretieren wollte.(13)
Schumpeter sah in der traditionellen Wirtschaftstheorie, die er vor allem in der Theorie von Walras verkörpert sah, nicht einfach nur den statischen Teil einer umfassenden Ökonomie, sie war für ihn auch die Wirtschaftsform, die dem routinierten, gewohnheitsmäßigen Wirtschaftssubjekt entsprach. Die von ihm in der »Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung« formulierte dynamische Theorie hatte ihre psychologische Entsprechung im Führertum des Unternehmers, dem schöpferischen Menschen. Die duale Struktur der Ökonomie als Statik und Dynamik wurde von Schumpeter durch eine duale psychologische Typenlehre begründet.(14)
2 Zur Genietheorie
Schumpeter war eindeutig von der Genietheorie bestimmt, die mit unterschiedlichen Begründungen zwei Typen von Menschen unterstellt: den gewöhnlichen Menschen und das schöpferische Genie. Tatsächlich, und dies ist der psychologische Kern meiner nachfolgenden Ausführung, ist diese Genietheorie aber unhaltbar. Wenn dies zutrifft, fällt aber auch die wichtigste Grundlage und Voraussetzung der dynamischen Theorie Schumpeters. Da ich der Auffassung bin, daß Schumpeter tatsächlich wichtige Elemente einer dynamischen Theorie zutreffend beschrieben hat,(15) stellt sich die Frage: Was soll an die Stelle jener psychischen »Zwei-Klassen-These« treten, die Menschen in gewöhnlich und genial sortiert?
Es ist auffällig, daß Schumpeter selbst von der ursprünglichen Schärfe seiner Theorie vom »schöpferischen Führer« in der Wirtschaft abrückte, ohne dies allerdings ausdrücklich zu sagen. Erstens unterscheidet sich die Charakterisierung der Figur des dynamischen Unternehmers in den beiden Auflagen seines Hauptwerkes Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung erheblich, zweitens sagt der späte Schumpeter:
»Es sollte sofort darauf hingewiesen werden, daß das Neue weder spektakulär noch von historischer Bedeutung zu sein braucht. Es bedarf weder des Stahls von Bessemer noch des Verbrennungsmotors; Würstchen von Deerfoot sind ausreichend. Es ist ganz wesentlich, dieses Phänomen auch auf den bescheidensten Ebenen der Geschäftswelt zu erkennen, obzwar es schwierig sein mag, die bescheidenen Unternehmer historisch zu finden.«(16)
Das klingt deutlich zurückhaltender, vielleicht »amerikanischer« als die zweifelhafte Rede vom Führertum in der Wirtschaft. Gleichwohl hat Schumpeter an seiner grundlegend psychologischen Deutung nichts verändert.
Die Theorie vom Genie ist in der psychologischen Literatur vielfach bekämpft worden. Die überzeugendsten Argumente lassen sich jedoch aus der jüngeren Entwicklung in den Neurowissenschaften gewinnen. Wenn man von idealistischen Inspirationstheorien absieht, reduziert sich die Genietheorie darauf, eine besondere genetische Disposition schöpferischer Menschen zu unterstellen. Der Sozialdarwinismus und die neuere Evolutionspsychologie beruhen auf ähnlichen Vorstellungen: Mentale (und sogar soziale) Phänomene seien zu einem wesentlichen Teil angeboren. Dieses Argument ist, wie ich glaube, unhaltbar. Das menschliche Genom besitzt eine Informationsmenge von etwa 750 MByte, das entspricht einer herkömmlichen CD. Spitzer schätzt konservativ die Informationsmenge der Zahl der Synapsenverknüpfungen im menschlichen Gehirn - damit die physiologische Grundlage der Denkprozesse - auf eine Größenordnung von rund 2 Millionen CDs.(17) Es lassen sich zahlreiche weitere Argumente gegen die »Genietheorie« vorbringen; auf eine Darstellung sei an dieser Stelle verzichtet.
Die radikale Gegenthese der kognitiven Psychologie, daß es so etwas wie »Kreativität« als besondere Fähigkeit (neben bloßer Informationsverarbeitung) gar nicht gebe,(18) ist zwar als Reaktion auf den Geniekult verständlich, bleibt jedoch weder neurologisch noch wissenschaftstheoretisch akzeptabel. Ich kann das hier nicht ausführlich darstellen und möchte nur an den Kern erinnern:(19) Neuerungen lassen sich nicht - Heidegger, Popper und Shackle haben das mit unterschiedlichen Argumenten gesagt - prognostizieren. Kreativität ist kein Kausalfaktor. Das Phänomen der Neuerung kann, auch Schumpeter hat das betont, »immer ex post, aber praktisch nie ex ante verstanden werden«.(20) Das der kognitiven Psychologie zugrunde liegende Computermodell des Denkens kann aber immer nur kausal-mechanische Prozesse abbilden oder Neuerungen ex post erklären. Deshalb ist dieses Modell zur Beschreibung kreativer Prozesse ungeeignet: Ex-post-Erklärungen sind immer möglich, hier aber wertlos.(21)Die Ambivalenz des Begriffs »Information« und die verkannte Dimension der Bedeutung - von der Phänomenologie Anfang dieses Jahrhundert ausführlich und klar beschrieben und von den Neurowissenschaften in den letzten zehn Jahren nur »wiederentdeckt« - verbieten es nach meiner Auffassung, die kognitive Psychologie als Basis der Wirtschaftswissenschaften zu verwenden.
Wenn dies akzeptiert wird, entsteht für die Sozialwissenschaften eine Leerstelle. Ich möchte nachfolgend einige mögliche Schritte skizzieren, diese Leerstelle zu füllen.
3 Handeln und Verhalten
Ausgangspunkt der traditionellen Wirtschaftstheorie ist das wirtschaftliche Handeln. Nicht jede Handlung ist als »wirtschaftlich« zu charakterisieren. Deshalb setzt die Theorie vom wirtschaftlichen Handeln eine allgemeine Theorie des Handelns voraus. Ich möchte versuchen, einige Elemente einer allgemeinen Handlungstheorie skizzieren, die für unsere Fragestellung von Interesse sind.
Das menschliche Handeln unterscheidet sich von bloßem Verhalten. Zunächst kann man unter Verhalten all das verstehen, was durch einen Beobachter an einem Gegenstand beobachtet wird. In diesem Sinn spricht man auch vom Verhalten von Elementarteilchen oder von tierischem Verhalten. »Verhalten« ist jeweils das, was sich relativ zu einem Beobachter zeigt. In der Psychologie entspricht dem Verhalten immer »der andere«; Verhaltenspsychologie heißt auch »Psychologie des anderen«. Auch das Handeln ist ein Verhalten, allerdings kann man das Handeln nicht auf bloßes Verhalten reduzieren. Beim Handeln kommt eine weitere Kategorie oder Ebene hinzu, die wir mit dem Begriff »Bedeutung«, »Sinn« oder »Bewußtsein« umschreiben können. Handeln ist potentiell bewußtes Verhalten. Und Bewußtsein hat immer auch die Bedeutung von »Wert« oder »Sinn«.(22) Handlungen kann man verstehen, Verhalten kann man nur in einem vorgegebenen theoretischen Rahmen beobachten.
Weshalb ist es für das Verständnis wirtschaftlicher Dynamik so wichtig, zwischen Handeln und Verhalten zu unterscheiden? Das wird deutlich, wenn wir kreative Prozesse betrachten. Was versteht man unter einem »kreativen Produkt«? Eine minimale Definition enthält zweiBedeutungselemente: Kreativ ist ein Produkt oder eine Handlung, wenn es/sie neu und wertvoll ist. Es gibt viele Handlungen, die wir als nützlich oder wertvoll, keineswegs aber als kreativ bezeichnen würden. Andererseits gibt es zahllose Neuerungen, die keineswegs nützlich sind.(23) Zwar gibt es zufällige Neuerungen - die auch maschinell generiert werden können -, keine Maschine kann aber wertvolle Neuerungen erzeugen. Der Wert verweist stets auf das Handeln, also auf eine Dimension, die dem bloßen Verhalten notwendig fehlt.
4 Handlungsprogramm und Gewohnheit
Bei der Betrachtung des Handelns fällt auf, daß dieselbe Tätigkeit einmal bewußt, ein andermal unbewußt und routiniert erledigt werden kann. Die Trennung zwischen dem bewußten (als potentiell kreativem) und unbewußtem Handeln ist keine absolute Differenz. Um diese Struktur beschreiben zu können, möchte ich den Begriff des »Handlungsprogramms« einführen. Ein Handlungsprogramm beschreibt eine Sequenz von Operationen - wobei es gleichgültig ist, ob es sich um reine Denkprozesse handelt oder um körperliche Vorgänge. Die meisten Handlungsprogramme sind im weitesten Sinn sprachlich. Die Sprache hat beim Handeln vielfach eine lenkende Funktion. Aber auch die bloße Nachahmung einer Bewegung kann als Handlungsprogramm fungieren. Beispiele für Handlungsprogramme sind Befehle, eine Wegbeschreibung, Arbeitsanweisungen, die Partitur für ein Musikstück, Gebrauchsanweisungen, usw. Handlungsprogramme steuern das Verhalten. Das Handeln kann man somit als ein von Handlungsprogrammen gelenktes Verhalten interpretieren.
Wichtig ist hier noch der Hinweis, daß Handlungsprogramme nicht auf individualpsychologische Kategorien zu reduzieren sind. Man kann es auf die Formel bringen: »Ein Handlungsprogramm, viele Subjekte«, und »Ein Subjekt, viele Handlungsprogramme«. Organisationen sind durch ihre Handlungsprogramme bestimmt, und Mitglieder von Organisationen machen sich Handlungsprogramme »zu eigen«, stellen also auf diese Weise eine soziale Struktur her. Diese Doppelstellung des Handlungsprogramms charakterisiert es als soziale, nicht rein psychologische Grundkategorie.(24)
Ich habe den Begriff des Handlungsprogramms auch vorgeschlagen, um auf die Analogie und die Differenz zu einer bloß kybernetisch-informationstheoretischen Beschreibung des Handelns hinzuweisen. Tatsächlich gibt es hier eine Analogie zu einer Turing-Maschine. Handlungsprogramme sind vielfach nicht an ihren Träger gebunden, sie können kopiert und nachgeahmt werden - fast jede Sprache wird so erlernt. Sie lenken auch das Verhalten, wie Maschinenprogramme Maschinen steuern. Doch diese Analogie ist rein formal. Handlungsprogramme haben in der Regel eine Bedeutung, einen Wert; sie sind bewußt. Werden Handlungsprogramme im Lernprozeß aber oft wiederholt, so entwickeln sich nicht nur Fertigkeiten, es bilden sich auch Gewohnheiten.
Was sind, vor diesem Hintergrund, Gewohnheiten? Gewohnheiten sind, einfach gesagt, unbewußt gewordene Handlungsprogramme. Sowohl Fertigkeiten als auch einfache Reaktionen auf vertraute Situationen sind vielfach unbewußt gewordene Handlungsprogramme. Derartige Handlungsprogramme sind nicht völlig unbewußt; man weiß, was man tut. Allerdings hat das Bewußtsein aufgehört, die einzelnen sequentiellen Elemente eines Handlungsprogramms zu steuern. Die gesamte Sequenz der Handlung kann automatisch ablaufen. Alle routinierten Abläufe - sei es des häuslichen Alltags oder in der betrieblichen Praxis - besitzen diesen Charakter. Vom Autofahren, über die Fähigkeit, eine Matrix zu invertieren, bis zur betrieblichen Organisation ist der Alltag durchsetzt mit automatisierten Handlungen, mit Handlungsprogrammen, die zu einer Gewohnheit, einer Routine geworden sind.
Handlungsprogramme, die zur Gewohnheit wurden, also in ihrer Sequenz wiederholbar sind, können auch durch Maschinen substituiert, wenigstens mit Maschinen kombiniert und an sie adaptiert werden. Es ist hierbei gleichgültig, ob es sich um Gewohnheiten des Körpers, des Denkens oder um Gewohnheiten kollektiven Verhaltens handelt. Eine Gewohnheit ist gleichsam stets ein potentielles Maschinenprogramm. Die der Gewohnheit eigentümliche Unbewußtheit ist es gerade, die das Charakteristikum einer Maschine ausmacht. In der Gewohnheitsbildung, im Unbewußtwerden, in der Reduktion des Handelns auf bloßes Verhalten antizipiert menschliches Handeln die Maschine oder gleicht sich der Maschine an.
Wenn wir Handlungsprogramme, die Verhalten durch Gewohnheitsmuster programmieren, mit Maschinenprogrammen vergleichen, zeigt sich gleichwohl ein grundlegende Differenz. Menschen können Handlungsprogramme - wenigstens prinzipiell - auch wieder bewußtmachen. Wenn nicht die Gewohnheit, sondern die Achtsamkeit oder Bewußtheit das Steuerruder der Handlung übernimmt, dann »verflüssigen« sich die Handlungsprogramme. Sie können verändert werden. Das drückt sich psychologisch auch darin aus, daß immer dann, wenn gewohnte Handlungen nicht mehr funktionieren, eine Art Alarmstimmung herrscht. Eigentlich muß jedes Handlungsprogramm auch bei einfachen Wiederholungen immer wieder neu an andere Situationen adaptiert werden. Es gibt, streng genommen, kein völlig unkreatives Verhalten.(25)Kreativität heißt hier: die Fähigkeit, Handlungsprogramme in jeweils neuen Situationen anzupassen und zu verändern.
In der Gewohnheitsbildung liegt ein zutiefst ökonomisches Moment. Sie erspart »Kosten der Aufmerksamkeit«, nicht jede Bewegung langsam und bewußt ausführen zu müssen, nicht jeden Gedanken neu durchdenken zu müssen. Eine Handlung, für die eine Gewohnheitsbildung stattfindet, zeichnet sich durch eine Entlastung aus, dadurch, »daß sie nicht jedesmal erneuert und bewußt zu werden braucht, sondern hinabsinkt auf die vorhandenen Schichten von Unterbewußtem«(26), sagt Schumpeter, und Arnold Gehlen ergänzt diesen Gedanken: »Man kann diesen wichtigen Entlastungsvorgang, bei dem die Gewohnheitsbildung die Basis für ein höheres Verhalten legt, sogar bis in den bedingten Reflex hinein verfolgen.«(27) Dieses ökonomische, entlastende Moment erklärt die tiefe Neigung zur Bildung von Gewohnheiten. Umgekehrt zeigt aber die Fähigkeit, sich relativ rasch an neue Situationen anzupassen, daß die adaptive nicht von der kreativen Reaktion getrennt werden kann.
Es gibt also nicht zwei Typen von Wirtschaftssubjekten, das Genie und das Gewohnheitstier. Vielmehr sind Kreativität und Gewohnheit zwei grundlegende Aspekte menschlichen Handelns. Es braucht nicht geleugnet zu werden, daß die Gewohnheitsbildung bei verschiedenen Menschen, Organisationen oder historische Kulturen unterschiedliche Ausmaße angenommen hat. Gleichwohl sind Gewohnheitsbildung und kreative Veränderung von Handlungsprogrammen grundlegende Strukturen jeder menschlichen Handlung, weil es in keinem System konstante Umweltverhältnisse gibt.
5 Ökonomische und soziale Vernetzung
Ich möchte die Struktur des Handelns an dieser Stelle nicht weiter vertiefen(28) und kurz mögliche Folgerungen bezüglich der sozialen Vernetzung von Handlungen skizzieren. Handlungen kann es nur im sozialen Kontext geben. Diese Aussage mag provokativ klingen, ist es doch ein Axiom der individualistischen Sozialökonomik, daß die Gesellschaft aus Individuen bestehe, die vor ihrem sozialen Kontakt bereits definierbar sind (z. B. durch Präferenzen). Wenn man jedoch Handeln nicht auf bloßes Verhalten reduziert und akzeptiert, daß Verhalten durch Handlungsprogramme gesteuert wird, so ist dieser Satz leicht zu verdeutlichen. Handlungsprogramme haben den Charakter von Zeichen, meist auch von gesprochener Sprache. In ihrem Handeln sind also Individuen lange vor jeder anderen Vernetzung durch die Sprache sozial verbunden. Traditionen und ethische Regeln spielen eine ähnliche Rolle.
Es ist gewiß verlockend zu sagen:(29) Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung kann als Prozeß der Mutation und Selektion von Handlungsprogrammen beschrieben werden. Dieses für die biologische Evolutionstheorie charakteristische Denken in Populationen ist durchaus auch hier anwendbar, weist aber einige grundlegende Differenzen auf. Handlungsprogramme scheinen auf den ersten Blick formal der genetischen Information zu entsprechen. Die Kreativität entspräche dann der (mehr oder minder) zufälligen Variation der Handlungsprogramme, deren Phänotypen (Produkte, Dienstleistungen) durch verschiedene, in Marktwirtschaften aber relativ eindeutig definierbare Kriterien selektiert werden.
Doch diese formale Analogie zur modernen Evolutionstheorie ist gleichwohl auch irreführend. Gewichtige Gründe sprechen dagegen. Über Handlungsprogramme wird kommuniziert, lange vor Handlungen faktisch ausgeführt werden. Das traditionelle Bild, wonach isolierte Produzenten erst auf dem Markt durch ihre Produkte in einen Austausch treten, ist unhaltbar. Der Markt als ökonomische ist nur ein Aspekt der sozialen Vernetzung. Der Markt stellt nicht Gesellschaft erst her. Die ökonomische Vernetzung kristallisiert sich immer wieder neu in und aus der sozialen Vernetzung. Das hat vielfache weitere Konsequenzen, die ich hier nur andeuten kann:
Erstens können Handlungsprogramme auch als Prognosen künftigen Verhaltens interpretiert werden. Wer ein Handlungsprogramm kennt, kennt das zugehörige Verhalten. Da aber über Handlungsprogramme vor der Handlung kommuniziert werden kann, können und werden Prognosen Verhalten programmieren. (Von außen, »objektiv« prognostizierbar ist vielleicht die Komplexität von Handlungsstrukturen, nicht aber ihr Inhalt.(30))
Zweitens ist jedes Handlungsprogramm in einen ethischen Rahmen, in eine Weltinterpretation eingebettet. Diese Interpretation teilen die Handelnden. Vielfach sind sie als Elemente der Handlungsprogramme Teil der kulturellen Gewohnheiten (Traditionen) - das griechische Wort »Ethik« kann man (im Sinne von ethos) als Gewohnheit übersetzen. Deshalb sind Handlungen in besonderer Weise sozial und von Regeln bestimmt - ein Punkt, den auch Hayek betont hat.(31)
Drittens - und das ergibt sich unmittelbar aus den vorher genannten Punkten - ist das, was in der Gesellschaft und als was die Gesellschaft wahrgenommen wird, gleichfalls von Denkmodellen bestimmt, die zu einem großen Teil mit den Handlungen verschränkt sind. Eine Änderung der Interpretation erschafft somit eine neue Wirklichkeit, weil Neuinterpretationen der Situation die Bedeutung von Handlungsprogrammen verändern.
Viertens sind »Mutation« und »Selektion« von Handlungsprogrammen nicht grundlegend getrennt. Von der Marktforschung, der Vereinbarung über Produktnormen, Kooperationen bei Vertriebswegen bis zur Vergabe von Stipendien für bestimmte Berufe, um nur willkürliche Beispiele zu nennen, wird diese funktionale Trennung durchbrochen. Auch der Kreditmarkt und der Staat spielen vielfach die Rolle einer Instanz, die Selektionskriterien aussetzt.
Die Vernetzung der Handlungen über ethische, kulturelle und kommunikative Strukturen ist jeder ökonomischen Vernetzung vorausgesetzt - was nicht zu heißen braucht, daß nicht spezifisch ökonomische Aspekte diese soziale Vernetzung grundlegend verändern können.
Was macht eigentlich eine ökonomische Vernetzung aus? Auch diesen Punkt möchte ich nur kurz skizzieren und hierbei eine Beschreibung verwenden, die sich von der traditionellen ökonomischen Theorie unterscheidet. Handlungen sind von außen gesehen Verhalten. In ihrem Resultat erfüllen sie eine Funktion. Ob sie in einem spezifischen Produkt münden oder in diesem Verhalten bei anderen Handlungen eine bestimmte Funktion (z. B. als Dienstleistung) erfüllen, ist für diese Betrachtung gleichgültig. Wer ein Produkt erzeugt, stellt etwas her, das in einer anderen, nachgelagerten Handlung eine Funktion erfüllt. Ich möchte hier nicht zwischen Produktion und Konsum unterscheiden. Die eingeführte Terminologie macht diese Differenz nicht nur überflüssig, sie vermeidet auch die darin liegende Täuschung. Denn tatsächlich erfüllen alle Handlungen Funktionen. Allerdings sind nicht alle dieser Funktionen privatisierbar.(32) Haushalte haben zur Erfüllung dieser Funktionen - z. B. die Bereitstellung bestimmter Dienstleistungen - einen ganz analogen Bedarf wie Unternehmen. Die Nützlichkeiteiner solchen Funktion wird immer durch die nachgelagerte Handlung bestimmt. Das ist die Besonderheit der ökonomischen Vernetzung. Ob ein Produkt, ob eine Handlung nützlich ist, das entscheidet jeweils die nachgelagerte Handlung, in der das Produkt oder die vorgelagerte Handlung eine Funktion erfüllt.
Der Nutzen von Gütern ist das Erfüllen einer bestimmten Funktion in einem nachgelagerten Handlungsprozeß. Wer einen Handlungsträger findet, der für seine Handlungsfunktion Verwendung hat, der ist in die ökonomischen Vernetzung eingebunden. Wem dies nicht gelingt, der scheitert bei dem Versuch, an der ökonomischen Vernetzung durch eine Handlung oder ein Handlungsprodukt teilzunehmen. Gelingt es z. B. »unproduktiven« Gruppen (Senioren, »Sozialfälle«, Schüler, Studenten etc.) in der öffentlichen Kommunikation ihre Bedeutung zu artikulieren, so sind sie über den Staat oder private Wohlfahrtsorganisation in die ökonomische Vernetzung eingebunden. Ihre ökonomische beruht also auf der sozialen Vernetzung. Andere Güter und Dienstleistungen sind in ihrer physischen Form privatisierbar; doch auch sie benötigen das Eigentumsrecht als Rahmen.(33)
6 Reproduktive Gewohnheitssysteme und sozialer Überschuß
In einem Gewohnheitssystem werden die Handlungen und ihre Vernetzung durch Wiederholung vermittelt, rechtlich normiert und kulturell überliefert. Historisch kamen die ägyptische und frühe chinesische Kultur, das alte Tibet oder längere Perioden des Hochmittelalters solch einem Gewohnheitssystem sehr nahe. Durch die Ausweitung der Rolle der Kaufleute entwickelte sich jedoch ein ganz anderer, dynamischer Typus von Gesellschaft: die moderne Marktwirtschaft.
Man kann die zirkuläre Vernetzung von Handlungen in ihren Funktionen formal beschreiben. Wenn alle Handlungen durch unveränderte Handlungsprogramme zu charakterisieren sind, dann ergibt sich eine zirkuläre Struktur. John von Neumann und Piero Sraffa haben ähnliche zirkuläre Systeme formuliert, die jedoch - nach walrasianischem Vorbild - nur die Produktion umfassen. Wenn man von reproduktiven Gewohnheitssystemen spricht, so handelt es sich immer um geschlossene Systeme, weil jede Handlung in einer Gesellschaft eine Funktion erfüllt.
Reproduktive Gewohnheitssysteme kann man als
vielfach verflochtene Ketten aus
Handlungsprogrammen, traditionell gesagt: aus
Zwecken und Mitteln, begreifen. Ein Zweck führt zu
einem Handlungsresultat a; dieses Handlungsresultat
erfüllt als Mittel in einer nachgelagerten Handlung eine
bestimmte Funktion, die zu einem Handlungsresultat b
führt, das wieder für nachgelagerte Handlungen als
Mittel dient usw. Man kann also reproduktive
Gewohnheitssysteme auch so beschreiben, daß die
Verkettung der Zwecke oder die Verkettung der Mittel
geschlossen ist. Betrachtet man die Handlungsresultate,
so ergibt sich eine vielfach verkettete Struktur: a - b- c - ... - x - y - z, die aber auf irgendeiner
Stufe geschlossen wird. Wir erhalten z. B.: a - b- ... - y - z - a. Ein Beispiel für solch eine Struktur
wäre: Kleidung eines Bauern Getreide Mehl Brot Nahrung eines Schneiders Kleidung eines
Bauern. Das Geld ist das Maß dieser in sich geschlossenen Handlungen. Doch das Geld ist mehr,
es wird zum selbsttätigen Prozeß, der das reproduktive Gewohnheitssystem überlagert und es
wird in jedem neuen Handlungssystem auch neu geschaffen. Die Handlungsresultate werden zu
Waren, werden gegen Geld verkauft, und das Geld, vermittelt durch den Kaufmann, wird auf jeder
Stufe mehr. Der Kaufmann privatisiert durch die Geldform sozialen Überschuß. Als Kapital stört
das Geld die Verkettung der Mittel und Zwecke. Der qualitative Kreislauf, den wir formal durch
a - b - ... - z - a charakterisiert haben, wird offen. Handlungsresultate dienen als Mittel nicht mehr
nur tradierten, gewohnten Zwecken, Handlungsresultate werden zu Mitteln für neue
Handlungsprogramme oder Zwecke. Man könnte dies formal so ausdrücken: a - b ... z - a* - b*
usw. Neue Zwecke können zu gewohnten Zwecken hinzutreten, sie können tradierte Zwecke aber
auch substituieren und verdrängen.
Nur wenn sich nun die neuen Handlungsresultate a*, b* etc. wieder auf einer Stufe in die ökonomische Vernetzung einbinden lassen, werden sie Teil des zugleich veränderten Handlungssystems. Produkte oder Handlungsprogramme, für die das nicht gelingt, scheitern am Markt. Es ergibt sich im vielfach vernetzten Handlungssystem eine neue Schleife, etwa: a - b -... - z - a* - b*- c* - a. Diese neue Schleife in der zirkulären Vernetzung von Handlungen ist die Quelle des sozialen Überschusses. Da aber jede zirkuläre Vernetzung sich auch dem Preissystem einfügt, entsteht dadurch auch Geld.
7 Sozialer Überschuß und Preissystem
Ein zirkulär geschlossenes Gewohnheitssystem, eine zirkuläre Verkettung von Handlungen bzw. Handlungsprogrammen ist ein System ohne monetären Überschuß. Ich will dies durch ein stationäres Modell kurz beschreiben. Sei ai der Bedarf der Handlung i, ein Vektor der Länge n, dessen Komponenten spezifische Handlungsresultate (Dienstleistungen, den Güterverbrauch oder Güternutzungen) beschreiben, und sei p der Preisvektor für diese verschiedenen Handlungsresultate, so gilt für ein zirkuläres Gewohnheitssystem mit A als der Matrix der Vektoren ai:
p = Ap
Der monetäre Bedarf einer Handlung i ist pai. Wird nun diesem System eine neue Handlung hinzugefügt, wird also ein Handlungsprogramm variiert, so wird sich der Bedarf in anderen Handlungen verändern. Es kommt zu den n Handlungen eine weitere hinzu. Wir erhalten eine neue Handlungs-Matrix A* der Ordnung n+1 mit einem neuen Preisvektor p*. Gilt nun: p*A*>p*, so erzeugt das neue System einen Überschuß p*(I-A*). Wie dieser Überschuß verteilt wird, hängt von den spezifischen Konkurrenzverhältnissen ab, unter denen die neue Handlung eingeführt wird. Gelingt es einem neuen Handlungprogramm, einer neuen Handlung nicht, einen Partner zu finden, also in einer nachgelagerten Handlung eine Funktion zu erfüllen, so wird dieses Handlungsprogramm selektiert.
In welcher Form fällt der soziale Überschuß an? Er zeigt sich erstens als Pioniergewinn für denjenigen, der die neue Handlung einführt; er teilt aber diesen Gewinn mit der Handlung, für die das neue Handlungsprogramm eingesetzt wird. (Der Anbieter einer neuen Maschine steht zu den Nachfragern nach dieser neuen Maschine in einem Dyopol-Verhältnis - das heißt, der Preis für die neue Maschine ist unbestimmt und hängt ausschließlich ab von den Wettbewerbsverhältnissen.) Zweitens führt die Einbeziehung der neuen Handlung zu einer Veränderung der relativen Preise bei allen Handlungen, die relativ stark von diesem Innovationsprozeß abhängen. Der »Pioniergewinn« verteilt sich also auf das gesamte Handlungssystem. (Z. B. können jene Arbeitsarten, die zur Herstellung einer neuen Maschine vermehrt nachgefragt werden, höhere Löhne durchsetzen und somit Teile des neu erzeugten Überschusses privatisieren.) Drittens - diesen Punkt möchte ich hier nicht näher untersuchen - wird die Einführung neuer Handlungen vielfach durch Kredite oder die Ausgabe von Aktien finanziert. Dies wiederum beeinflußt das Zinsgefüge und damit über monetäre Kanäle die Preise im Gesamtsystem.
Das neue Handlungsprogramm, sofern es nicht durch Urheber- oder Patentrecht geschützt wird, kann kopiert werden. Die Neuerung diffundiert und verändert durch den nachfolgenden Wettbewerb die relativen Preise. Der ursprüngliche Überschuß wird verteilt. Doch selbst wenn das nicht geschieht, bleiben nur zwei Wege offen: Entweder der Überschuß wird erneut zur Finanzierung neuer Handlungsprogramme verwendet, oder aber der Überschuß verwandelt sich schrittweise in einen Bedarf, in eine Gewohnheit.
Ich will dies kurz verdeutlichen: Wenn es einer Unternehmung gelingt, durch ein neues Produkt eine neue Vernetzung mit anderen Prozessen zu installieren und dadurch ein Gewinn erwirtschaftet wird, so kann dieser Gewinn entweder für neue Innovationen und Investitionen verwendet werden, oder aber der Gewinn wird an die Eigentümer ausgeschüttet und verwandelt sich z. B. in Konsum. Der Bedarf der Eigentümer, an die der Gewinn ausgeschüttet wird, wird also steigen. Geschieht dies, so entsteht ein hypothetisches neues Gewohnheitssystem, das wir durch p´A´ = p´ charakterisieren können. Der Überschuß versickert als zusätzliche Gewohnheit. Dies drückt sich in einer steigenden Ausstattung der Handlungen mit langlebigen ebenso wie im steigenden Verbrauch anderer Güter aus. Volkswirtschaftlich erscheint diese »Akkumulation von Gewohnheiten« als wachsende Kapitalintensität und wachsender privater Verbrauch pro Kopf. Es ist also nicht der Wettbewerb, der den Pioniergewinn »vernichtet«, es ist die Destruktion oder Veränderung alter, sowie die Bildung neuer Gewohnheiten und daraus folgend eines erhöhten Bedarfs, der den Überschuß absorbiert. In einem rein reproduktiven Gewohnheitssystem gibt es weder einen Überschuß noch einen Kapitalzins - doch, wie durch die genannten Argumente deutlich werden kann, aus anderen als den von Walras vorgebrachten und von Schumpeter akzeptierten Gründen.
8 Kaufmännische Ratio und kreative Destruktion
Ein letzter, gleichwohl aber zentraler Punkt muß ergänzt werden. Die Implementierung neuer Handlungsprogramme in Marktwirtschaften bedeutet immer, daß relativ zu diesen neuen Programmen andere Handlungen obsolet werden. Auch dann, wenn Handlungsprogramme nur komplementär zu alten hinzutreten, verändert dies wenigstens die relativen Preise und macht damit andere Handlungen bei unverändertem Bedarf (Kosten) unrentabel. Eine Neuerung ist stets nur neu relativ zu einer Gewohnheit, d. h. zu einem alten Handlungsprogramm. Das trifft auf berufliche Fertigkeiten, neue Konsumgüter, Mode und Kunst ebenso zu wie auf die industrielle Fertigung.
Dieser Punkt, so einfach er scheint, wird vielfach in einem mikroökonomischen Fehlschluß verkannt. Wenn etwa in zahlreichen empirischen Untersuchungen eine positive Korrelation zwischen dem Geschäftserfolg und der Beschäftigung festgestellt wird, während sich bei den weniger erfolgreichen Firmen das umgekehrte Ergebnis zeigt, so folgt daraus gerade nicht, daß bei Übernahme der Methode der erfolgreichen Firmen durch alle anderen Firmen dasselbe Resultat erzielt würde. Eine Innovation erfolgt stets relativ zu einem Gewohnheitssystem. Es gibt nicht so etwas wie einen über die Gesamtwirtschaft gleichverteilten technischen Fortschritt (»manna from heaven« in der neoklassischen Wachstumstheorie). Methoden, die auf einem Wettbewerbsvorteil beruhen, haben bei einer (nur hypothetischen) Gleichverteilung keinen Effekt mehr.
In diesem dynamischen Prozeß spielt ein besonderes, ein Meta-Handlungsprogramm eine zentrale und motivierende Rolle: die kaufmännische Rationalität. Kaufmännisches Handeln ist vom bloßen Wirtschaftlichkeitsprinzip zu unterscheiden. Das Handlungsprogramm des Kaufmanns überlagert andere Handlungsprogramme, sofern alle Handlungen an ihrem Geldwert bemessen werden und alles unternommen wird, diesen Geldwert zu vermehren. Das kaufmännische Handlungsprogramm ist nie am Ziel. Jede erwirtschaftete Geldsumme ist nur erneuter Ausgangspunkt, sie wiederum zu vermehren. Eine statische Gewinnmaximierung, wie die neoklassische Theorie sie behauptet, verfehlt diesen entscheidenden Punkt. Ist das Maximum erreicht, so tritt das neoklassische System in ein Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht ist möglich, weil es in einem bloßen Verhaltensmodell keine Kreativität geben kann. In realen Marktwirtschaften dagegen ist das kaufmännische Handlungsprogramm - von Max Weber die »Kaufmannsseele« genannt - beständig bemüht, jeden erreichten Zustand zu überwinden.
Dieses kaufmännische Streben ist weder individuell noch institutionell zurechenbar. Wenn Gewerkschaften höhere Löhne fordern oder Studenten höhere Stipendien, so ist das ebensoAusdruck dieses Programms wie der Satz Gordon Gekkos in Oliver Stones Film »Wallstreet«, der sagt: »Habgier ist gut«. Dieses kaufmännische Handlungsprogramm ist wedermit dem herkömmlichen »rationalen Verhalten« noch mit Schumpeters Typus des »Unternehmers« identisch. Es handelt sich um ein Programm, das andere Handlungsprogramme überlagert, ein Meta-Handlungsprogramm kapitalistischer Wirtschaften. Diese Kaufmannsseele ist der Grund, weshalb in modernen Marktwirtschaften niemals die Tendenz besteht, einem stationären Zustand zuzustreben. Deshalb ist der Kapitalismus »nie stationär, sondern kann es auch nie sein.«(34)
Der positive Aspekt dieser Prozeßstruktur sei zuerst genannt:
Er besteht darin, daß das kaufmännische Handlungsprogramm beständig die Kreativität aufweckt und anspornt. Keineswegs nur die großen Wirtschaftsführer sind die kreativen Genies in Marktwirtschaften, vielmehr ist es das im wörtlichen Sinn endlose Streben der Kaufmannsseele - die in tausendfacher Verkörperung mehr und mehr alle Handlungen ergriffen hat -, das Veränderungen von Handlungsprogrammen motiviert. In der kaufmännischen Rationalität verbünden sich immer wieder Geldgier und Kreativität zur Veränderung von Handlungen in allen gesellschaftlichen Bereichen.
Der negative Aspekt dieser Struktur muß jedoch nicht minder betont werden:
Erstens ist es eine notwendig Folgerung aus der Natur der Kreativität, daß sie nicht vorhergesehen werden kann. Wer kreativ seine Handlungen verändert, der tut etwas Unvorhersehbares. Er schafft damit für andere eine Situation der Unsicherheit. Die von Keynes als Grundphänomen moderner Marktwirtschaften behauptete Unsicherheit ist damit zu einem großen Teil nur die Kehrseite der Kreativität je anderer.(35)
Zweitens wird Kreativität selbst zu einem »knappen Faktor«. Das bedeutet, daß die Kaufmannsseele in ihrer unaufhörlichen Suche nach verwertbaren Veränderungen mehr und mehr alle gesellschaftlichen Bereiche mit einbezieht. Dieses Wachstum macht weder vor alten Traditionen noch vor fernen Ländern halt. Da die Einbeziehung von Traditionen oder bislang nichtmarktlichen sozialen Strukturen diese notwendig reorganisiert und verändert, führt dies zu einer säkularen Veränderung oder Destruktion aller Traditionen.
Drittens zieht jede Veränderung - wie bereits betont - auch eine erneute Gewohnheitsbildung nach sich, führt also zu einem Wachstum in Art und Umfang der Handlungsprogramme. Da jedes Handlungsprogramm zu seiner Realisierung in gewissem Umfang eines »materiellen Trägers« bedarf, werden wachsende Teile der Erde, der Natur in die soziale Reproduktion einbezogen. Wenn man Ökosysteme als »Gewohnheiten der Natur« beschreibt, dann führt die Umwälzung der Handlungsprogramme auch zur kreativen Destruktion der Natursysteme. Dieser Punkt ist vor allem wichtig, wenn man die Hoffnung hegt, daß durch die Nutzung des Marktmechanismus ökologische Probleme handhabbar gemacht werden sollen. Diese These beruht auf der neoklassischen Voraussetzung, daß die Marktrationalität nur die des ökonomischen Prinzips (der Sparsamkeit der Mittel) sei. Die dynamischen Märkten notwendige innewohnende kreative Destruktion wird hierbei verkannt.
9 Schlußbemerkung
Die neue Popularität neoklassischer Denkmodelle, wie immer verfeinert und differenziert, verdeckt diesen destruktiven Aspekt wirtschaftlicher Dynamik. Solange die kaufmännische Rationalität in einem Ordnungsrahmen gezügelt bleibt - ein Ordnungsrahmen, der weit mehr als nur Wettbewerbsgesetze umfaßt -, solange kann der positive Aspekt dieser Dynamik gesamtwirtschaftlich genutzt werden. Allerdings kann die Gesamtwirtschaft niemals nach Analogie einer Maschine programmiert werden, da ihre dynamische Struktur gerade auf dem Wettbewerb der (Handlungs-)Programme beruht. Dies gilt für die Weltwirtschaft und globale ökologische Systeme in verstärktem Maße. Das Wachstumsprogramm der kaufmännischen Rationalität ist weltweit zu einer Gewohnheit geworden, einer Gewohnheit, die das destruktive Potential stärker als das kreative zu entfalten droht.
Nicht ein besonderer psychologischer Typus - so lautet meine Schlußfolgerung - ist die Ursache wirtschaftlicher Dynamik in modernen Marktwirtschaften, vielmehr ein fast alle menschlichen Handlungen überformendes Handlungsprogramm.(36) Die Motivation zur Veränderung vorausgesetzter Gewohnheitssysteme erwächst inzwischen selbst einer Gewohnheit: der kaufmännischen Rationalität, möglichst jede Handlung in die ökonomische Vernetzung profitabel einzubeziehen. Da der soziale Überschuß, der aus diesem Prozeß erwächst und die Basis für steigende Löhne, Zins- und Gewinneinkommen darstellt, die Tendenz hat, »in Gewohnheiten zu versickern«, erweist sich das Streben nach Wachstumgeldgleicher Werte als endlos vergebliches Unterfangen.
Gegen diese Gewohnheit, alle Handlungen an einem Maßstab zu messen und die menschliche Kreativität auf einen wirtschaftlichen Erfolgsfaktor zu reduzieren, hilft keine äußere Ordnung. Sozialistische Träume dürften ausgeträumt sein. Aber auch die Hoffnung, Marktwirtschaften weltweit in eine ethische Ordnung einzubinden und in ihrer destruktiven Tendenz zu begrenzen, scheint mir utopisch. Gewohnheiten können nur in Freiheit und bewußt aufgelöst werden. (Ein wichtiger Schritt hierzu ist die Überwindung von ökonomischen Theorien - vor allem der Neoklassik -, die menschliches Verhalten nach mechanischer Analogie interpretieren.) Auch die kaufmännische Rationalität des schrankenlosen Wachstums - heute eine weltweite Gewohnheit - gründet nicht in einer genetischen Struktur, sie bleibt ein veränderbares Handlungsprogramm. Darin liegt eine Chance.
Literaturverzeichnis
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(Abgeschlossen: April 1997)
(*) Abteilung Evolutionsökonomik unter Leitung von Prof. Dr. Ulrich Witt, Kahlaische Straße 10, D 07745 Jena. Der Text liegt auch als Discussion-Paper am Max Planck Institut vor.
1. F. Nietzsche, Werke Bd. III (ed. Schlechta), S. 912.
2. J. A. Schumpeter, Beiträge zur Sozialökonomik, Wien-Köln-Graz 1987, S. 185.
3. J. Schumpeter, »Unternehmer«, Stichwort in Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 8, Jena 1928; wiederabgedruckt in: Beiträge zur Sozialökonomik, Wien-Köln-Graz 1987, S. 149. Daß Nietzsche hier durchaus Pate stand, ist bereits in Schumpeters Frühwerk erkennbar, wo er sich zur Begründung der Dynamik auf den »Willen zur Macht« und den »Herrenwillen« ausdrücklich bezieht; vgl. Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie, Berlin 1908 (Reprint 1970), S. 618
4. J. A. Schumpeter, Das Wesen des Geldes, Göttingen 1970, S. 17; vgl. ders., Konjunkturzyklen Bd I, Göttingen 1961, S. 110ff.
5. Schumpeter, Konjunkturzyklen aaO., S. 112. Diese Funktion hatte Mangoldt allein dem Unternehmer zugeschrieben, H. v. Mangoldt, Grundriß der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 1871, S. 34. Er sprach von der »Größe der Gefahr«.
6. J. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 19515, S. 122; meine Hervorhebung.
7. Vgl. hierzu die etwa zeitgleich mit Schumpeters Hauptwerk entstandenen Typenlehren bei Karl Jaspers (Allgemeine Psychopathologie 1913; Psychologie der Weltanschauungen 1919) und Carl Gustav Jung (Psychologische Typen 1920).
9. Vgl. auch die Diskussion zwischen Schumpeter und Böhm-Bawerk in der Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung (s. Literaturverzeichnis).
10. E. von Böhm-Bawerk, Positive Theorie des Kapitales, Kapital und Kapitalzins II,1, Jena 19214, S. 320, Note.
11. G. Schmoller, Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Leipzig 1900, S. 107.
12. J. Schumpeter, Geschichte der Ökonomischen Analyse, Bd. I, Göttingen 1965, S. 60.
13. J. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 19515, S. 132, Note.
14. Diese Einteilung unterscheidet sich vollständig von jener in der klassischen Mechanik, die sowohl das Vorbild für die Unterscheidung bei John St. Mill als auch bei John B. Clark war. Wenn sich Schumpeter wiederholt dagegen wendet, daß mechanische Kategorien in die Ökonomie »übertragen« worden seien, so ist dies nur verständlich, wenn man seinepsychologische Deutung dieser Differenz voraussetzt.
15. Zu anderen Quellen solch einer Theorie - vor allem bei J. G. Fichte - vgl. K.-H. Brodbeck, Erfolgsfaktor Kreativität, Darmstadt 1996, Kapitel 17.
16. J. A. Schumpeter, Beiträge zur Sozialökonomik, Wien-Köln-Graz 1987, S. 185.
17. M. Spitzer, Geist im Netz, Heidelberg-Berlin-Oxford 1996, S. 37ff.
18. Vgl. z. B. R. W. Weisberg, Kreativität und Begabung, Heidelberg 1986.
19. Vgl. K.-H. Brodbeck, Transrationalität. Prozeßstrukturen wirtschaftlichen Handelns, Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge 86-09, München 1986; ders., Entscheidung zur Kreativität, Darmstadt 1995, Kapitel 1 bis 2.
20. J. A. Schumpeter, Beiträge aaO., S. 184. Daraus folgt übrigens, daß der Begriff des »Unternehmers« als eines Kausalfaktors, der Neuerungen durchsetzt, logisch unhaltbar ist. Da erst der Markt entscheidet, ob eine Erfindung Innovation ist, wird der Begriff »Unternehmer« zirkulär - denn nach Schumpeters Begriffsbestimmung wäre ein scheiternder Unternehmer kein Innovator, also kein Unternehmer.
21. Vgl. zur Literatur K.-H. Brodbeck, Das Gehirn ist kein Computer. Erkenntnisse der Neurowissenschaft - für Ökonomen, praxis perspektiven 2 (1997); erscheint demnächst.
22. Vgl. auch H. Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, Tübingen 1926; J. R. Searle, Geist, Hirn und Wissenschaft, Frankfurt/M. 1986; ders., Die Wiederentdeckung des Geistes, München 1993.
23. Es ist für diese vorläufige Überlegung hinreichend, wenn wir den Kreativitätsbegriff personal begreifen, also von einem subjektiven »Wert« ausgehen. Bei einer ökonomischen Vernetzung liegt die Bedeutung, die Bewertung in der jeweils nachgelagerten Handlung.
24. Wie mir scheint, zielt Max Webers Kritik der psychologischen Grundlegung der Nutzentheorie durch das »psycho-physische Grundgesetz« in eine ähnliche Richtung; vgl. M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübigen 19683, S. 397f. Richard Dawkins´ Begriff der »Meme« hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Begriff des Handlungsprogramms, R. Dawkins, Das egoistische Gen, Berlin-Heidelberg-New York 1978, S. 226ff.; die wesentliche Differenz liegt darin, daß Dawkins die Meme individualistisch konzipiert (nach Analogie der Gene). Vgl. Abschnitt 5.
25. Schumpeter irrt, wenn er sagt, daß »gewohnheitsmäßiges Handeln« nicht »riskant« sei, J. A. Schumpeter, Konjunkturzyklen Bd. I, Göttingen 1961, S. 112, Note. Wenn sich die Umgebung ändert, bedeutet gerade die Wiederholung einer Handlung ein Risiko.
26. J. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 19515, S. 123f.
27. A. Gehlen, Der Mensch, Wiesbaden 197611, S. 66.
28. Vgl. vor allem zu kognitiven Aspekten des Handelns K.-H. Brodbeck, Erfolgsfaktor aaO., Kapitel 9.
29. Ich habe an anderer Stelle mit ähnlichen Vorstellungen experimentiert; vgl. K.-H. Brodbeck, Produktion, Arbeitsteilung und technischer Wandel, Düsseldorf 1981; ders., R.F. Matzka, Evolutionary Production Systems, Quality and Quantity, 19 (1985), 145-153; ders., Diffusion multipler Techniken in Systemen evolutionären Wachstums, Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge 89-10, München 1989.
30. Deshalb habe ich vorgeschlagen - vgl. Note 29 -, evolutorische Modelle auf der Basis der Kardinalität von Handlungsstrukturen zu entwickeln; Inhalte sind, wissenschaftlich gesprochen, stets transrational.
31. Hayek spricht von »the unconscious rules which govern our action«, F. A. Hayek, Studies in Philosophy, Politics and Economics, London and Henley 1967, S. 56.
32. »Öffentliche Güter« haben eine bestimmte soziale Bedeutung. Ihr »Ort« ist die Kommunikation, weshalb Güter wie das Wohlbefinden von Randgruppen, Senioren usw. mit dieser Kommunikation auch ihre Funktion (teilweise radikal) verändern können.
33. Das Phänomen der »Privation« ist für diese Struktur grundlegend; vgl. K.-H. Brodbeck, Erfolgsfaktor aaO., S. 120f. Der soziale Individualismus der Tradition setzt soziale Atome voraus. »Individualität« ist Privation des Sozialen. Das gilt selbst für die Konstitution der menschlichen Identität. Denkprozesse können als neuronale Adaption an eine soziale Umwelt beschrieben werden, sie gehen nicht isoliert und individuell aus einer vererbten »Gehirnsubstanz« hervor. Vgl. auch I. Rosenfield, Das Fremde, das Vertraute und das Vergessene. Anatomie des Bewußtseins, Frankfurt/M. 1992; J. R. Searle, Geist, Hirn und Wissenschaft, Frankfurt/M. 1996. An dieser Stelle mag der Hinweis auf die Sprache und ihre Rolle beim menschlichen Handeln hinreichend sein.
34. J. A. Schumpeter, Kapitalismus aaO., s. 136.
35. Vgl. K.-H. Brodbeck, Kreativität und Unsicherheit. Zur Synthese der Theorien von Schumpeter und Keynes, praxis perspektiven 1 (1996), S. 107-112.
36. Was bei Schumpeter psychologische Typen sind, wären nach meiner Auffassung nur unterschiedliche Handlungsprogramme, die vielfältig und komplex in jeder »Psyche« verknüpft und überlagert sein können. Handlungsprogramme stellen, wie bereits betont, eine Kategorie dar, die nicht auf Eigenschaften der Psyche (oder neuronale Strukturen) reduziert werden kann. Handlungsprogramme sind gleichsam die Nahtstelle zwischen Individuum und Gesellschaft - wie ganz analog die Sprache eine soziale und eine private Funktion beim Denken besitzt. Programme sind vor allem dynamisch und variabel, wie alle Gewohnheitensmuster. Ein Typus ist dagegen ein statisches Gebilde. Ein psychologischer Typus ist ein zum Charakter erstarrter Komplex von Gewohnheiten.
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