Umrisse
einer postmechanischen Ökonomie[1]
Karl-Heinz Brodbeck
„Das
Gesellschaftliche ist eine Interpretation.
Sie
sollten ... das erst einmal begreifen.“
Martin
Heidegger[2]
1 Ökonomie als
„Gegenstand“
Die öffentliche Popularität der modernen
Wirtschaftswissenschaften und ihr Erfolg als empirische Theorie stehen in einem
auffallenden Mißverhältnis. Ihre Prognosen sind nur unbedeutend
erfolgreicher als die Vorhersagen von Kaffeesatzlesern.[3] Die Gründe für das
prognostische Scheitern der zeitgenössischen ökonomischen Theorie sind
vielfältig. Gleichwohl kann man den zentralen Mangel in ihren philosophischen
Grundlagen finden. Philosophie, genauer noch die Metaphysik, ist eigentlich
eine scientia regulatrix[4]. Jeder Wissenschaft
gehen Begriffe voraus; diese Begriffe fallen nicht in ihren eigenen
Gegenstandsbereich, sie sind diesem immer schon vorausgesetzt. Die modernen
Wirtschaftswissenschaften verwenden für ihren Gegenstand denselben
metaphysisch-kategorialen Rahmen wie die mechanische Physik, und eben daraus
erwachsen ihre Probleme.[5]
Doch diese notwendige Bemerkung ist noch
in einem wesentlich Punkt unvollständig. Und es ist dieser Punkt, der zeigt,
daß die Krise der ökonomischen Theorie (der Sozialwissenschaften insgesamt)
nicht von der Krise der Moderne und ihres Denkens zu trennen ist. Ich möchte
dies zunächst anhand einer erkennbaren Entwicklungslinie der modernen
Philosophie aufzeigen. Man hat vielfach als das eigentliche Thema der
Philosophie im 20. Jahrhundert die Sprache bezeichnet. Die
Wissenschaftsphilosophie vollzog im Positivismus des Wiener Kreises einen
eigentümlichen linguistic turn. Aber auch die Philosophie Heideggers,
des späten Wittgenstein, die analytische Philosophie in den USA, die
hermeneutische Verwandlung der Phänomenologie und die Fortführung der kritischen
Theorie als Kommunikationstheorie bei Habermas rücken die Sprache in den
Mittelpunkt ihrer Analysen. Hierbei zeigt sich die Sprache nicht als Ausfluß
einer transzendentalen Begriffsordnung, sondern als eigene, vor allem soziale
Realität. Die Begriffe und ihre Bedeutungen sind nicht vom sozialen Prozeß der
Kommunikation und des Handelns zu trennen.
Wenn man in Kantscher und metaphysischer
Tradition sagt, daß Begriffe ihrem Gegenstand vorausgehen, so stehen die
Sozialwissenschaften vor der eigentümlichen Tatsache, daß das, was ihnen
vorausgeht, zugleich zu ihrem Gegenstand gehört: Die (Wissenschafts-)Sprache,
ihre Begriffe, ihre Verflechtung mit sozialen Handlungen. Boulding hat diesen
Sachverhalt für die Wirtschaftswissenschaften in der Sprache der Systemtheorie
zu erfassen versucht: „We have here a certain epistemological paradox, that
where knowledge is an essential part of the system, knowledge about the system
changes the system itself.“[6] Obgleich diese Tatsache
bei spekulativem Verhalten offenkundig ist, hat sie keinen Eingang in
die traditionelle Theoriebildung der Wirtschaftswissenschaften gefunden.[7]
Der eigentliche Grund für das Scheitern
der Ökonomie als einer empirischen, gültige Prognosen formulierenden positiven
Wissenschaft liegt in diesem Sachverhalt begründet. Die modernen
Wirtschaftswissenschaften sind in ihrer Form mechanische Theorie
geblieben. Der metaphysische Grundzug der Mechanik ist die absolute
Trennung zwischen Begriff und Gegenstand. Ein mechanischer Gegenstand wird als
„selbstseiend“ unterstellt; sein Verhalten ist unabhängig von seiner
Beobachtung und Beschreibung. Der Erfolg der physikalischen Mechanik
bezieht sich deshalb auch nur auf Gegenstände, die durch die Denkform der
cartesianischen Metaphysik beschrieben wurden: durch eine Dualität zwischen
„Geist und Körper“.
Eine Konsequenz dieser Metaphysik ist die
Idee der Abbildung. Die Theorie eines mechanischen Gegenstandes ist
eigentlich dessen Verdopplung als ideale Form. Nur wenn die Theorie metaphysisch
dasselbe ist, was auch den Gegenstand ontologisch bestimmt, kann man von
„Übereinstimmung“ oder „Realitätsnähe“ einer Theorie sprechen. Die darin
liegenden Schwierigkeiten wurde bereits früh geahnt. Noch vor den
Schlußfolgerungen des Pragmatismus und einiger Strömungen der analytischen
Philosophie hat Comte die entscheidende Konsequenz gezogen. Eine positive
Wissenschaft ist für Comte von der Aufgabe entbunden, durch bloße Beobachtung
und Beschreibung das Geheimnis eines Gegenstandes zu ergründen. Das statische
Verhältnis zwischen Theorie und Gegenstand wird bei Comte dynamisiert.
Die statische Beobachtung tritt zurück, indem er „an ihre Stelle jene rationelle
Voraussicht setzt, die nach jeder Richtung hin den hauptsächlichen
Charakter des positiven Geistes darstellt“.[8] Die Wahrheit einer
Theorie ist nicht ihr formaler oder semantischer Gehalt, ihre Wahrheit ist der Prognoseerfolg.
Diesem Gedanken folgen John N. Keynes[9] – der Vater von John M.
Keynes – in seinem methodischen Grundwerk und Milton Friedman (der sich auf J.
N. Keynes beruft) in der Definition der Ökonomie als „positive economics“[10]. Friedman geht sogar
soweit zu sagen, daß die Annahmen der ökonomischen Theorie notwendig aufgrund
ihrer Abstraktheit und Einfachheit „dekritiptiv falsch“[11] sein müssen. Die
Qualität einer Theorie liege einzig in ihrer Fähigkeit, Ereignisse zu
prognostizieren, nicht in der Wahrheit ihrer Annahmen. Doch gerade in ihren
Prognosen scheitert die „positive Ökonomie“. Entweder formuliert die
Neoklassik Theorien, die gar nicht die Absicht hegen, sich einem
ökonometrischen Test auszusetzen (insofern ist Alberts Vorwurf des
„Modell-Platonismus“ durchaus zutreffend), oder ihre Prognosen erweisen sich
überwiegend als schlicht unzutreffend.
Der Grund dafür ist allerdings nicht
darin zu suchen, daß die „wahre“ Theorie noch nicht gefunden ist, der Grund
liegt vielmehr darin, daß Theorien selbst Teil des Gegenstandes sind, den sie
erklären wollen. Mehr noch, Theorien entwerfen in einem wesentlichen
Sinn in den Sozialwissenschaften überhaupt erst ihren Gegenstand. Der Adam
Smithsche Gedanke, die Wirtschaft werde von einer invisible hand
gelenkt, vergißt, daß diese Hand nicht von einem autonomen Kopf
gesteuert wird, in dem sich jenes Modell befindet, das die neoklassische
Ökonomie formuliert. Die Pointe liegt vielmehr darin, daß die Wirtschaft
überhaupt nicht „gelenkt“ wird, daß ihre Dynamik und Struktur auf sehr
kritische Weise abhängig ist von ihrer Interpretation. Das Sein der sozialen
Welt, der Wirtschaft ist nicht von ihrem Entwurf zu trennen.
Die mechanische Trennung von Gegenstand
und Theorie – in der Physik durch die Quantentheorie in Frage gestellt –
verbietet sich für die Sozialwissenschaften generell, für die Ökonomie in
besonderem Maße. Sie wird auch nicht aufgehoben durch die Einführung einer Feedback-Schleife,
einer mechanischen Rückkopplung der Theorie auf die Realität. Systemtheorien
bleiben Kinder des Mechanismus, weil sie metaphysisch im Horizont
kausaler Relationen denken. Theorien entwerfen die Strukturen jener
Welt, die beobachtet wird, und das entwerfende theoretische Subjekt ist Teil
eben dieser Welt. Die Wirtschaft ist ein kreativer Selbstentwurf des
Menschen und deshalb nie ein einfaches Verhängnis oder ein bloßer
„Sachzwang“. Die Sozialwissenschaften stehen methodisch vor einem völlig
anderen Strukturverhältnis als die mechanischen Wissenschaften. Eine postmechanische
Ökonomie muß deshalb dieser grundlegend anderen Situation Rechnung tragen.
Eine postmechanische Ökonomie entwickelt
sich nicht als freier Entwurf eines neuen Systems, das dann auf empirische
Brauchbarkeit getestet würde – dies wäre nur die Wiederkehr des methodischen
Verständnisses mechanischen Denkens. Wenn die mechanische Theorie ihrem
Gegenstand nicht adäquat ist, so muß sich dies zeigen. Es zeigt sich nicht nur
darin, daß Prognosen mit mechanischen Modellen immer wieder scheitern, auch
nicht nur an der Tatsache, daß die modernen Wirtschaftswissenschaften faktisch
nicht die Funktion der Erklärung, sondern der ethischen Programmierung von
Handlungen übernehmen (vgl. dazu den Abschnitt 5), die Notwendigkeit einer
postmechanischen Ökonomie zeigt sich vor allem an den Anpassungen,
Veränderungen und „Revolutionen“ innerhalb der traditionellen Ökonomie selbst.
Das verborgene Thema der
Wirtschaftswissenschaften des 20. Jahrhunderts war die Frage der Rationalität
des Handelns. Die Mainstream-Ökonomie, die neoklassische Theorie,
formuliert ihr mechanisches Modell auf paradoxe Weise: Die Struktur und Dynamik
der Wirtschaft soll letztlich auf rationale Entscheidungen von
Individuen reduzierbar sein. Makroökonomische Zusammenhänge sollen auf
mikroökonomische Entscheidungsprozesse zurückgeführt werden. Man hat diesen
Ansatz methodischen Individualismus genannt, dessen Reduktionismus auch
generell für die Sozialwissenschaften geltend gemacht wird.[12] Bei dieser Reduktion
ökonomischer Strukturen auf individuelle Entscheidungsprozesse geschieht
jedoch etwas Merkwürdiges: Man unterstellt prinzipielle Entscheidungsfreiheit,
legt aber diese Freiheit so aus, daß sie durch ein Kalkül vollständig
ersetzbar wird. Kempski spricht zurecht von einer „Elimination der
wirtschaftenden Person“[13]. Der Rationalismus der
traditionellen, neoklassischen Ökonomie, die Reduktion auf ein
Nützlichkeitskalkül nach Benthamschem Muster, eskamotiert damit zugleich den
untersuchten Gegenstand: Das Entscheidungssubjekt. An seine Stelle tritt ein
Kalkül der Gewinn- oder Nutzenmaximierung, eine Gleichung, die formal mit der
physikalischen Mechanik identisch ist.
Diese Mechanisierung der Rationalität
wurde immer mehr zum eigentlichen Problem in Theorie und Praxis der
Wirtschaftswissenschaften, also in den theoretischen Begründungen und den
wirtschaftspolitischen Anwendungen ökonomischer Konzepte. Das „Rationalitätspostulat“,
die These, ökonomische Entscheidungen seien durch ein mathematisches Kalkül
substituierbar, ist vor allem durch John Maynard Keynes mit dem Begriff der unsicheren
Erwartungen kritisiert worden. Keynes hielt die Erwartungen der
Wirtschaftssubjekte für prinzipiell unberechenbar und sah deshalb in
ihnen eine eigenständige Größe in der Wirtschaft. Friedman kritisierte
diesen Gedanken durch die These, daß sich Erwartungen an die „objektive
Struktur“ der Wirtschaft adaptiv anpassen müßten.[14] Doch die wichtigste Verteidigung
und Neubelebung fand das (vorkeynesianische) Rationalitätspostulat in
der Theorie der „rationalen Erwartungen“, die von John F. Muth entwickelt und
von Robert E. Lucas – durch einen Nobelpreis gekürt – auf die
Wirtschaftspolitik angewandt wurde.[15]
Der Grundgedanke ist einfach und besticht
auf den ersten Blick durch seine Suggestivkraft. Allgemein kann man ihn so
ausdrücken: Die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte – vor allem der Unternehmen
– können keine eigenständige Größe im Wirtschaftsprozeß sein; die Reduktion der
Entscheidungen auf die mathematische Form ihrer Modelle ist gerechtfertigt.
Grund: Würden sich die Entscheidungen der Unternehmen von jenen Ergebnissen
unterscheiden, die das Modell vorhersagt, wären also Entscheidungen basierend
auf Erwartungen etwas substantiell anderes als die Vorhersagen der Modelle, so
ergäbe sich ein Widerspruch, der die ökonomische Logik verletzen müßte: „If the
prediction of the theory were substantially better than the expectations of the
firms, then there would be opportunities for the ‚insider‘ to profit from the
knowledge – by inventory speculation if possible, by operating a firm, or by
selling a price forecasting service to the firms.“[16] Die Theorie der
„rationalen Erwartungen“ akzeptiert also immerhin, wie Keynes, die Möglichkeit
einer Rückwirkung der Theorie auf den ökonomischen Prozeß, allerdings
nur, um solch eine Rückwirkung sogleich wieder mit dem Argument auszuschließen:
Wenn die Theorie von der Wirklichkeit abweicht, dann läßt sich durch eine ökonomische
Nutzung der theoretischen Erkenntnisse ein Gewinn erzielen, solange, bis
sich die Prognosen an die „Fakten“ anpassen.
Dieses Argument beruht es auf einem
doppelten Denkfehler. Erstens wird unterstellt, daß die Theorie
tatsächlich fähig ist, diesen Wirtschaftsprozeß vorherzusagen, daß sie also
einen Nutzen hat. Das ist jedoch eine petitio principii; die
Angleichung der Erwartungen an die Theorie beruht auf Gewinnmöglichkeiten durch
die Anwendung der Theorie. Da die Theorie rationaler Erwartungen aber zu dem
Ergebnis kommt, daß Erwartungen und Theorie nicht differieren, sind die faktischen
Erwartungen immer jene, die eine Theorie prognostizieren würde. Der Prozeß
der Anpassung der Erwartungen an die „Fakten“ – den Friedman immerhin
noch als schrittweise Adaption beschreibt – wird durch einen statistischen
Trick ausgeklammert.[17] Hayek sagt zurecht: „No economist has yet succeeded in making a fortune
by buying or selling commodities on the basis of his scientific prediction of
future prices (even though some may have done so by selling such prediction).“[18]
Zudem und
damit zusammenhängend ist es eine bloße Annahme, daß die Firmen ausgerechnet
das neoklassische Modell bei ihren Entscheidungen zugrundelegen würden;
wenigstens im Bereich der Managementwissenschaften gibt es zahlreiche konkurrierende
Ansätze.
Zweitens – und dieser Punkt ist
wichtiger – verändert die Kenntnis einer Theorie, wenn sie angewendet wird,
die Entscheidung und die Entscheidungssituation, damit die Struktur
dessen, was das Modell abbilden möchte. Eine Theorie kann aber nicht ihre
eigene Wirkung auf ihren Gegenstand vorhersagen, ohne in paradoxe Zirkel zu
geraten: Wenn Prognosen nützlich sind und sie deshalb profitabel
angewendet werden (was auch die Theorie rationaler Erwartungen unterstellt),
dann verändern die Prognosen den „Gegenstand“, auf den sie sich
beziehen. (Wer z.B. erst sinkende, dann steigende Aktienkurse voraussagt,
formuliert damit implizit eine Kauforder, die eine Kurssenkung mildert und
verfälscht oder sogar in ihr Gegenteil verwandelt.) Die Anwendung der Theorie ist
ihre Falsifikation.[19]
Die Theorie rationaler Erwartungen fällt
also hinter jenen Stand der Erkenntnis zurück, der vor dem Zweiten Weltkrieg in
der Keynesschen Theorie bereits erreicht war. Neben John M. Keynes haben vor
allem zwei weitere Ökonomen die Entwicklung einer postmechanischen Ökonomie
vorangetrieben: Josef A. Schumpeter und
Friedrich A. Hayek. Keynes, Schumpeter und Hayek standen in vielfachem
Gegensatz zueinander und werden immer noch als Leitfiguren sehr
unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Konzepte zitiert. Ihr Gegensatz
gründet jedoch in einer gemeinsamen Fragestellung. Tatsächlich liefern
Schumpeter, Keynes und Hayek jeweils implizit Teilstücke einer völlig
neuen Theorie der Rationalität in ihrer sozialen und ökonomischen
Entfaltung, die erst dann, wenn man die Gegensätze gleichsam aus einer gewissen
Entfernung betrachtet, in ihrer einheitlichen Struktur erkennbar wird.[20] Schumpeter, Keynes und
Hayek beschrieben – um in einer berühmten Metapher zu sprechen – einen Rüssel,
lange Beine und eine graue, dicke Haut, sie bekamen aber den ganzen
Elefanten nicht zu Gesicht. Im Abstand eines halben Jahrhunderts ist die
verborgene postmechanische Gestalt der Ökonomie, an der diese drei Autoren
arbeiteten, sehr viel deutlicher erkennbar.
3 Kreativität,
Unsicherheit und Regeln des Handelns
Schumpeter interpretierte die
neoklassische Theorie, vor allem das Modell von Leon Walras, fast unbemerkt auf
eine neue Weise.[21] Für ihn ist das
mechanische Gleichgewicht nicht Ausdruck einer Quasi-Naturgesetzlichkeit in der
Wirtschaft, solch ein Gleichgewicht stellt sich für Schumpeter nur ein bei
einem bestimmten Typus von Wirtschaftssubjekt. Er charakterisiert die
Rationalität dieses gewöhnlichen Wirtschaftssubjektes durch Risikovermeidung
und Streben nach Maximierung einer Zielgröße. Ökonomisches Handeln in einem
solchen Gewohnheitssystem ist bloße Anpassung an äußere Veränderungen. Im
Unterschied dazu charakterisiert Schumpeter den dynamischen Unternehmer
als jemand, der Veränderungen aktiv bewirkt. Der Unternehmer ist ihm das
Modell eines kreativen Menschen. Anders als die Tradition sieht
Schumpeter das gewöhnliche Wirtschaftssubjekt durch Gewohnheiten bestimmt;
er spricht vom „Absolvieren des
Kreislaufs in gewohnter Bahn“[22]. Doch charakteristisch
für den Kapitalismus, die moderne Marktwirtschaft, ist weniger dieses
Wirtschaftssubjekt, sondern der Unternehmer. Nicht das Gleichgewicht, vielmehr
das periodische Ungleichgewicht einer kreativen Destruktion gewohnter
Systeme ist deshalb der Kern des Schumpeterschen Modells der Wirtschaft.[23]
Auch Hayek hat den Markt nicht als
mechanisches Gleichgewicht beschrieben, sondern als Entdeckungsverfahren.
Für ihn haben die Preise die Funktion, die Wirtschaftssubjekte immer dorthin zu
lenken, wo Knappheiten (damit die Gewinnmöglichkeiten) am höchsten sind.
Gelenkt durch diese Preissignale, werden die Verwendungsmöglichkeiten von
Gütern entdeckt und verfügbar gemacht. Dieser Gedanke Hayeks ist zwar nicht
ganz von der Hand zu weisen, bleibt aber in einem zentralen Punkt
unvollständig: Die Kreativität kann nicht auf passives Entdecken von bereits
vorliegenden Gütern oder Techniken reduziert werden. Kreativität bedarf, fern
von jedem Preiskalkül, der langen Reifung von Ideen jenseits von
Marktinteressen. Das geschieht vor allem in der Großforschung – innerhalb und
außerhalb der Unternehmen –, und es ist ein Charakteristikum von Erfindungen,
daß sie vielfach scheitern, lange bevor sie den Markt erreicht haben und dort
als Produkt dem ökonomischen Wettbewerb ausgesetzt werden. Dem
Schumpeterschen Unternehmer, der Erfindungen umsetzt (als Innovator),
geht der Forscher, der Erfinder, das Forschungsinstitut, das Labor oder auch
nur der Tüftler in der Garage voraus. Invention und Innovation sind funktional
getrennt, auch wenn in eher seltenen Fällen der Erfinder auch zum Unternehmer
werden kann. Kreative Prozesse benötigen – bei aller funktionellen Verkopplung
mit der Finanzierung, der Anregung durch Kunden, die Marktforschung usw. – eine
relative Autonomie; sie kommen nicht induktiv zustande und können
nicht kausal aus anderen Prozessen „abgeleitet“ werden. Erst dann, wenn das
Neue da ist, kann es öffentlich, also kopiert werden; erst bei
erfolgreicher Markteinführung kommen die Nachahmer, die diese Neuerungen dann entdecken
und weiter verbreiten. Schumpeter und Hayek beschreiben nur einzelne Phasen
eines kreativen Prozesses, der zwar den Markt einbindet, nicht aber kausal
voraussetzt.[24]
In einer Gleichgewichtswelt ohne
gravierende Änderungen, d.h. bei in ihrem Erwartungswert berechenbaren
ökonomischer Größen, kann das Geld nur die Rolle eines Tauschvermittlers, eines
Wertmaßes spielen. Ein Zufluß von Papiergeld erhöht einfach proportional die
Preise, ein Abfluß senkt sie. Diese Theorie des Monetarismus ist (heute wieder)
uneingeschränkte Doktrin aller wichtigen Zentralbanken. Keynes hatte dagegen
argumentiert, daß Geld auch gehortet wird. Der Hauptgrund sind spekulative
Motive, allgemein gesagt das Bestreben, bei unvorhersehbaren Marktprozessen
liquide bleiben zu wollen. Keynes geht also nicht von einer
Gleichgewichtswelt aus, nach seiner Vorstellung beruht die Ökonomie
grundlegend auf Entscheidungen und Erwartungen, die ungewiß sind. Keine
Versicherungsgesellschaft würde diese Geschäftsrisiken versichern. Einen allgemeinen
Grund für diese Unsicherheit nennt Keynes nicht, er zählt nur mögliche Ursachen
auf.[25] Doch in einer innovativen
Wirtschaft gibt es solch einen Grund, und es ist dieser Grund, der die
beobachtbaren Wirtschaftsformen so gravierend von den Modellen der
mechanistischen Tradition unterscheidet: Es sind die kreativen Prozesse, die
Gleichgewichte unaufhörlich stören und Gewohnheiten zerstören. Die
„Ungewißheit“ bei Keynes ist im wirtschaftlichen, sozialen Kontext nur die Rückseite
des von Schumpeter beschriebenen Prozesses „kreativer Destruktion“.[26]
Charakteristisch für die traditionelle
Volkswirtschaftslehre ist das Modell einer „Robinson-Ökonomie“. Unter einer
„Robinson-Ökonomie“ versteht man das methodische Prinzip, wirtschaftliche
Vorgänge so darzustellen, als wären es Dispositionen eines einzigen, idealisierten
Subjekts. Die „Robinsonaden“ der Ökonomie sind sprichwörtlich. Sie finden durch
statistische Methoden ihre moderne Form in der These, der Erwartungswert
einer Durchschnittsgröße repräsentiere die Gesamtheit und Entscheidungen würden
von „durchschnittlichen“ oder „repräsentativen“ Wirtschaftssubjekten (Firmen
und Konsumenten) getroffen.[27] Die Kreativität
ist im Modell einer „Robinson-Ökonomie“ nicht beschreibbar. Die Vielheit der
kreativen Prozesse ist nicht auf einen Durchschnitt reduzierbar. Deshalb
erscheinen in volkswirtschaftlichen Aggregaten wie dem Sozialprodukt
oder dem Kapitalstock zwar die Resultate innovativer Prozesse, sie
selbst bleiben aber dunkel – ein Ergebnis, das die Wachstumstheorie zu spüren
bekommt, wenn sie anhand von Aggregaten Wachstumsprognosen formulieren möchte
und dabei entdeckt, daß es immer einen sehr großen „statistischen Rest“ gibt,
der unerklärt bleibt.[28]. Der unerklärte „Rest“
ist dem Modell geschuldet, das auf einer durchschnittlichen, aggregierten Ebene
der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung all jene Prozesse ausblendet,
die für das Wachstum einer Wirtschaft verantwortlich sind.
Doch diese Einsicht darf nicht zu dem
Schluß verleiten, man könne die Makroebene auf wirtschaftliche „Atome“ und
Entscheidungsträger reduzieren. Es ist vielmehr die besondere Form der
Wechselwirkung und Interdependenz zwischen den Wirtschaftseinheiten, vor allem
die sozial gespaltene kreative Vernunft, die für die Dynamik von
Marktwirtschaften verantwortlich ist. Wenn A kreative Veränderungen am Markt
versucht, schafft er für B, C usw. Ungewißheit. Ist dieser innovative
Prozeß eine Grundtendenz, dann kann man nicht die Rationalität in „einem
Kopf“ abbilden. Die Systemstruktur der Ökonomie ist eine andere als die
additive Wechselwirkung gleichartiger „Individuen“, die an einer strukturell
identischen „Wirtschaftsvernunft“
teilhaben. Zum ökonomischen Prozeß gehört immer auch die Dunkelheit, die
kreativen Prozessen eigen ist, wenn sie von außen erfahren werden. Was
dem Künstler kreatives Erleben ist, wird für den Betrachter des Kunstwerkes eine
dunkle Quelle des „Genialen“, das er bewundert, aber nie rationalisierend
erklären kann.
Kreativität ist nicht prognostizierbar.
Die kreative Vernunft ist nicht Berechnung, und ihre soziale,
ihre ökonomische Entfaltung erzeugt eine seltsame Dunkelheit des
Nichtwissens, der Ungewißheit, die ihrerseits ökonomische und soziale
Konsequenzen hat. Eine Konsequenz ist die Andersverwendung des Geldes
als Liquditätsversicherung gegen die Unbilde des Marktes, die Keynes entdeckte.
Deren Quelle blieb ihm aber verborgen, wie andererseits Schumpeter die
Keynessche Zinstheorie nicht akzeptieren konnte, weil er die Ungewißheit – das Echo
dessen, was er im dynamischen Unternehmer beschrieben hat – nicht als
zentrales Moment in der Keynesschen Theorie erkannte. Die Rezeptionsgeschichte
des Keynesianismus ist durch die Ausklammerung dieses zentralen Punktes
bei Keynes gekennzeichnet. Nicht zuletzt dies ist wirtschaftspolitisch für das
Scheitern und den Mißbrauch des Keynesianismus verantwortlich.
Auch Hayek hat das bei Keynes nicht
bemerkt, obgleich er immer wieder das Nichtwissen des Theoretikers gegenüber
den wesentlich subjektiven Entscheidungen auf dem Markt betonte – ein
zentrales Gegenargument in der Diskussion um die Möglichkeit einer zentralgeplanten
Wirtschaft. Hayeks Einwand ist zutreffend, aber in einem wesentlichen Punkt
unvollständig: Es ist nicht einfach die unzugängliche Subjektivität der
Entscheidungen, es ist die ganz andere Form der Vernunft, die kreativen
Prozessen eignet, weshalb Wirtschaftsprozesse nicht durch eine mechanisch
berechnende Vernunft beschreibbar sind.
Die eigentliche Bedeutung Hayeks für eine
postmechanische Ökonomie liegt deshalb auch nicht so sehr in seiner
Markttheorie, sondern in der Entdeckung der eigenständigen Natur von
Regeln des Handelns. Soziales Handeln folgt bestimmten Regeln. Diese Regeln
sind aber nicht unveränderlich, sie unterliegen selbst einer Evolution. Die
Entdeckung dieser neuen Grundkategorie bei Hayek blieb allerdings, wie die
Ansätze bei Schumpeter und Keynes, eingebettet in eine Theorie, die an
zentralen Stellen immer noch dem mechanischen Paradigma verhaftet ist. Weil
Hayek den Gedanken einer Planbarkeit bekämpfen wollte, machte er die
Regeln des Handelns zu unbewußten Verhaltensstrukturen, zu einem
„Mechanismus, über den wir nicht bewußte Kontrolle ausüben.“[29] Dieser Rückfall in das
mechanistische Denken gründet darin, daß Hayek kreative Prozesse nur
unzureichend als Entdeckungen beschrieben hat. Neuerungen sind aber nie
einfach da, sie werden gemacht, auch geplant. Es gibt sehr wohl eine
bewußte Planung von Handlungen, aber es gibt keine Planung und Vorhersage ihres
Erfolgs. Wenn A eine Neuerung auf den Markt bringt, ist diese Neuerung
durchaus das Resultat eines Entwurfs. Aber der Erfolg dieser Neuerung im
sozialen Kontext hängt ab vom Urteil von B, C usw. In seiner sozialen Funktion
ist der kreative Prozeß geteilt, die
kreative Vernunft funktionell getrennt. Die Selektion von Neuerungen ist
nicht vorhersehbar, ebensowenig die Erfindung von Neuerungen. Doch beide
gründen nicht in einer dunklen Wolke des Nichtwissens, wie es bei Hayek
erscheint. Der Innovator, Schumpeters dynamischer Unternehmer, handelt nicht
„unbewußt“, gelenkt durch einen dunklen Mechanismus. Und die Selektion von
Neuerungen ist gleichfalls kein unbewußter Prozeß. Gleichwohl gibt es
nicht ein Bewußtsein, in dem sich all dies vollzieht. Der Gesamtprozeß
ist tatsächlich nicht prognostizier- oder berechenbar, weder in seinen qualitativen
noch in seinen quantiativen Strukturen.
Eine postmechanische Ökonomie muß fähig
sein, die Dynamik einer Marktwirtschaft zu erklären, wobei die Nichtprognostizierbarkeit
dieser Dynamik selbst Resultat dieser Erklärung ist. Tatsächlich kann man nicht
nur, die vorstehenden Überlegungen haben das zu skizzieren versucht, man muß
sogar die Nichtprognostizierbarkeit marktwirtschaftlicher Dynamik als
wichtigstes Ergebnis einer postmechanischen Ökonomie bezeichnen. Es wird nicht
in falscher theoretischer Bescheidenheit ein „Nichtwissen“ des Beobachters vorausgesetzt,
der Wettbewerb kreativer Prozesse, die Eigenständigkeit von Erwartungen neben
den „Tatsachen“ ist vielmehr der durchaus erkennbare Grund für dieses
„Nichtwissen“. Das Nichtwissen des „Beobachters“ ist nicht Voraussetzung,
sondern ein Resultat, wenn man die Untrennbarkeit von Theorie und Gegenstand,
von Entwurf und Wirklichkeit an die Stelle einer falschen
Rationalisierung setzt. Dieses „Wissen des Nichtwissens“ erlaubt einen ganz
anderen Zugang zu ökonomischen Phänomen und eröffnet auch eine Perspektive,
Fehlentwicklungen als Prozeß sozialer Kreativität zu erkennen.
3 Die Dynamik der
kreativen Destruktion
Verantwortlich für die
marktwirtschaftliche Dynamik ist eine Struktur, die sich mechanischer
Theoriebildung entzieht, gleichwohl aber auf dem Wege einer ganz anderen „Exaktheit“
beschrieben werden kann. Man braucht hierzu keineswegs im völligen Niemandsland
anzusetzen und kann durchaus an neoklassische Überlegungen anknüpfen. Stellen
wir zunächst, wie die Neoklassiker, die Frage: Wie wäre eine statische
Wirtschaft überhaupt zu charakterisieren? Ich möchte hier, Schumpeter folgend,
diese „Statik“ jedoch anders interpretieren: durch gewohnte
Handlungsabläufe. Dann ist leicht nachvollziehbar, daß Erwartungen und Tatsachen
in solch einer statischen, durch Gewohnheiten geprägten Welt übereinstimmen
müssen. Das wird im sozialen Bereich – anders als bei der Berechnung von
natürlichen Phänomenen – nur dadurch sichergestellt, daß eine Gesellschaft
eingebettet ist in eine traditionale Ordnung. Die Handlungen sind in Form und
Inhalt festgelegt, nur die Träger der Handlungen wechseln durch eine Abfolge
von Geburt und Tod. Die Regeln des Handelns, genauer die Handlungsprogramme
werden einfach wiederholt (kopiert und reproduziert).[30] Charakteristisch für
solch eine traditionale Ordnung ist die zyklische Zeit der Wiederholung.
Betrachtet man solch ein System unter
ökonomischen Aspekten, so erscheint es als eine zirkulär verflochtene
Struktur von Handlungen. Jeder hat eine bestimmte Stellung im gesamten
Produktionsablauf, und bei historischen Produktionsformen, die solch einer
traditionalen Ordnung nahe kamen, war die Funktion zugleich mit einem sozialen
Status in der Gesellschaft verknüpft. Es gibt Arbeitsteilung als soziale
Funktionsteilung. Zwischen den arbeitsteiligen Einheiten fließen Güterströme.
Aristoteles hat im fünften Buch seiner Nikomachischen Ethik solch eine
ökonomische Struktur beschrieben, und er war es, der bemerkte, daß das innere
Maß der verflochtenen Güterströme die Keimform des Geldes als Rechnungseinheit
ist.[31]
Traditionale Ordnungen wurden historisch
aus zwei wesentlichen Gründen gestört oder aufgehoben: Erstens erzwang
das Bevölkerungswachstum im Wechselspiel mit einer Verknappung von natürlichen
Ressourcen eine Veränderung traditioneller Strukturen. Die präökonomische
Lösung für dieses Problem ist die kriegerische Expansion, wie im römischen oder
mongolischen Reich. Bereits hier zeigt sich die Technik als Mittel
wirtschaftlicher Reproduktion, allerdings eine eingeschränkte, besondere Form
der „Technik“: Die Kriegstechnik, die teilweise bereits unter einem
ökonomischen Regime betrieben wurde (Söldner). Zweitens wurden
traditionale Ordnungen aber durch ein weitaus wichtigeres Phänomen in die
historisch-dynamische Beschleunigung einer linear fortschreitenden Zeit
getrieben: durch eine Überlagerung der Tauschprozesse mit einer neuartigen
Funktionalisierung des Geldes. Geld ist ursprünglich bloßer Tauschvermittler.
Durch die Kaufleute als Inkarnation dieser Vermittlungsfunktion trat aber ein neues
Ziel neben die besonderen Zielsetzungen wirtschaftlichen Handelns: Die Vermehrung
einer eingesetzen Geldsumme (= Kapital). Dieses Streben nach einem Zins, nach
Kapitalverzinsung verleiht der Wirtschaft eine eigentümliche Dynamik, die in
der planetarischen Herrschaft des Geldes auf den Weltfinanzmärkten heute seine
adäquate Wirklichkeit gefunden hat.
Das erste Rätsel, das eine
postmechanische Ökonomie deshalb zu lösen hat, ist die Frage nach den Quellen
der Kapitalverzinsung. Geld ist, wie Aristoteles zurecht bemerkt, nicht fähig,
sich selbst zu vermehren. Wie schafft es ein ökonomisches System, über lange
Zeiträume jährlich einen Überschuß zu erwirtschaften, der als Entgelt für
verliehenes Geldkapital dient? Die traditionellen Zinstheorien können diese
Frage nicht beantworten. Sie lassen sich letztlich auf Vorstellungen einer
„Produktivität des Kapitals“ zurückführen, die aus vielen Gründen unhaltbar
ist.[32] Diese Theorien laufen
fast immer auf eine Verwechslung von physischen oder subjektiven
Faktoren (Produktivität, Zeitpräferenz) mit ökonomischen Werten hinaus:
Produktivität und Nutzenerwägungen sind individueller oder lokaler Natur,
Bewertungen sind das Ergebnis des gesamten ökonomischen Prozesses. Was
individuell nützlich oder produktiv ist, kann sozial wertlos sein (wie ein
neues Produkt, das der Markt nicht akzeptiert).
Adam Smith formulierte in Ansätzen eine
Theorie, wonach der Zins das Ergebnis eines Eigentumsmonopols ist; Karl Marx
hat dies zu seiner Exploitationstheorie weiterentwickelt. Dieser Gedanke, daß
alles Zinseinkommen aus einem Eigentumsmonopol hervorgeht, ist als formaler
Grund nicht zu bestreiten, verkennt aber die Dynamik des Kapitalismus. Das
Eigentumsmonopol als Ursache kann nur in Verbindung mit einer
zugehörigen Marktmacht eine singuläre Ausbeutung als Umverteilung
erklären. Ob das betroffene Wirtschaftssubjekt hierbei Kreditnehmer
(Unternehmer) ist oder Arbeiter, dem ein Teil des Lohnes vorenthalten wird, ist
als formaler Aspekt gleichgültig. Diese Theorie des Zinses ist nicht
fähig, die eigentümliche Dynamik des Kapitalismus zu erklären, vor allem
nicht die Dynamik des Wettbewerbs. Walras ging im Gleichgewicht von einem
Zustand ohne Gewinne aus.[33] Man kann hier wie folgt
argumentieren: Wenn es einen Überschuß (durch „Ausbeutung“) gibt, dann
wäre es für eine Firma vorteilhaft, auf einen Teil des Überschusses pro Produkt
zu verzichten, die Preise zu senken und durch größere Marktanteile insgesamt
die Profitmasse zu erhöhen. Andere werden das aber nachahmen. Wenn also
der Wettbewerb funktioniert, führen schrittweise Preissenkungen zur Elimination
jedes Überschusses. Der Einzelvorteil einer Preissenkung schwindet, wenn
sie allgemein nachgeahmt wird.
Es muß also eine Quelle in der Wirtschaft
geben, durch die unaufhörlich ein neuer Überschuß entsteht, der im Gewinn,
in steigenden Löhnen und im Zins erscheint. Diese Quelle ist die kreative
Umwälzung gewohnter Muster der Produktion und des Konsums. Schumpeter hat
das als alleinige Quelle des Zinses klar erkannt. Das kaufmännische
Interesse an einer Verzinsung des Kapitals unterwirft nach und nach alle
Lebensbereiche, mit dem Ziel, durch Innovationen einen Pioniergewinn zu
erwirtschaften, der einerseits aufgenommene Kreditzinsen zu tilgen erlaubt,
andererseits auch anderen an der Produktion Beteiligten höhere Einkommen
verschafft. Da aber jede Neuerung früher oder später auf Nachahmer
stößt, sorgt der Wettbewerbsprozeß dafür, daß die relativen Vorteile
wieder verschwinden. Die Gewinne schmelzen weg und machen erneute
Innovationen notwendig, um so in permanenter Beschleunigung und Umwälzung
jährlich jenen Überschuß zu erwirtschaften, der im Zins, aber auch in steigenden
Einkommen volkswirtschaftlich erscheint. Der Preis dieses Prozesses ist die
immer wieder neue Zerstörung alter Gewohnheiten, traditioneller
Handlungsregeln, wie sie in der Technik, beim Konsum oder in den übrigen
Bereichen der menschlichen Kultur erscheinen.
Menschliches Handeln ist allerdings nicht
nur durch die Märkte zirkulär geschlossen, die Produktion ist auch mit der
Natur, den natürlichen Systemen verkoppelt. Die permanente kreative Destruktion
von Gewohnheiten, die Erzielung von Gewinnen zur Begleichung von
Zinsforderungen, greift auch mehr und mehr auf die Natur und deren
„Gewohnheiten“ über. Die Gewohnheiten der Natur sind aber nicht nur die Naturgesetze,
die in kluger Anwendung eine Herrschaft über natürliche Prozesse zu erlauben
scheinen, die „Gewohnheiten der Natur“ zeigen sich vor allem in den vielfältig
verflochtenen ökologischen Systemen, im Klima der Erde, im Wasserhaushalt usw.
Der Begriff „Gewohnheiten der Natur“, den Charles S. Peirce einführte und der
an ältere Vorstellungen über Naturgesetze anknüpft, kann die fragile Struktur
der Natursysteme am besten beschreiben. Anders als in der menschlichen
Wirtschaft erzeugen Natursysteme nicht jährlich neue Arten, wie die
Wirtschaft neue Produkte hervorbringt. In der Natur steht der menschlichen Destruktion
keine Kreativität gegenüber, oder, besser gesagt, nur eine Kreativität, die
sich in sehr langen Zeiträumen entfaltet. Diese Seite der „schöpferischen
Zerstörung“ des Marktprozesses haben weder Schumpeter noch Hayek oder Keynes
gesehen. Für eine postmechanische Ökonomie des 21. Jahrhunderts ist diese
Beobachtung allerdings eine Grundvoraussetzung. Die Expansion der Märkte auf
dem Rücken einer wachsenden Bevölkerung hat eine sehr destruktive Seite, der
keine entsprechende Form der Kreativität gegenübersteht.
4 Marktprozesse als
Kommunikation
Die gespaltene Vernunft des Marktes, die
kreative Entwürfe und rationale Selektion trennt, gleicht auf den ersten Blick
einem System der natürlichen Evolution. Einer „Mutation“ der Güterarten,
Techniken, Vertriebsformen usw. scheint eine Selektion durch die Marktrationalität
gegenüberzustehen, und viele Autoren der sog. evolutorischen Ökonomik
haben diese Analogie genutzt, um eine Alternative zur Neoklassik zu entwickeln.[34] Diese Ansätze einer
evolutorischen Ökonomik bleiben aber in einem wesentlichen Punkt dem
mechanischen Weltbild verhaftet. Die Kreativität, die neue Produkte
hervorbringt, erscheint in diesen Modellen als ein exogener Faktor, der
für den Wirtschaftsprozeß zufällig und äußerlich ist. Ferner bleibt dieser
Ansatz dem methodischen Individualismus verpflichtet, sofern die Träger dieses
Prozesses isolierte Individuen oder Unternehmen sind, die erst durch
Marktprozesse in eine soziale Beziehung eintreten.[35]
Dieser Ansatz verkennt, daß die Ökonomie,
das ökonomische System nur ein Teilsystem der menschlichen Gesellschaft
ist, und „Gesellschaft“ ist ebenso eine Interpretation wie das
vielfältige reproduzierte individuelle Selbstbild. Menschen treten nicht auf
Märkten jungfräulich zueinander in Beziehung, sie sind bereits zuvor auf vielfältige
Weise „vergesellschaftet“, vor allem durch die Sprache, die öffentlichen und
medialen Kommunikationsprozesse, aber auch durch zahlreiche andere soziale
Formen (Staat, Ausbildung, Vereine, wissenschaftliche Gemeinschaften, Religion,
Freizeit, Ehe, Familie usw). Was jeweils als Markt, als ökonomischer
Prozeß von anderen Prozessen unterschieden wird, hängt ab von der
gesamten sozialen Reproduktion und Kommunikation, in die ökonomische Prozesse
eingebettet sind. Neoklassische und evolutorische Ökonomie bleiben
erkenntnistheorietisch auf dem Standpunkt eines naiven Realismus. Schon
die einfache Frage, was nun genau einen bestimmten Markt – zum Beispiel
den Markt für Mittelklasseautos – charakterisiert, kann auf dieses Problem
hinweisen. Besteht der Markt aus den Verkaufsräumen der Autohändler? Aus
Internetadressen? Aus den Vorschriften des TÜV? Aus der Summe getätigter
Verkäufe? Aus Werbespots im Fernsehen? Man braucht solche Fragen nur zu
stellen, um die Willkür des Marktbegriffes, das heißt aber seine interpretatorische
Relativität zu verstehen.
Der Begriff „Markt“ ist, wie jede
Kategorie, nur negativ definierbar durch das, was man aus dem Begriff ausschließen
möchte. Man kann für bestimmte Fragen die Definition zweckmäßig
festlegen, doch damit ist immer auch der empirische Gehalt für eine
mögliche Forschung festgelegt. Es gibt einfache, skalare Größen (wie Preise),
die man durch Beispiele plausibel machen kann und so der Schwierigkeit
einer funktionalen Begriffsabgrenzung zu entgehen scheint. Für zentrale
ökonomische Kategorien ist das aber nicht möglich: „Markt“, „Wettbewerb“,
„Kapital“ usw. Wenn man also ein postmechanisches Bild der Wirtschaft zeichnen
möchte, so ist die Ökonomie als kognitives und „reales“ Teilsystem der
Gesellschaft zu begreifen, das keineswegs gegenüber anderen Teilsystemen und
deren Interpretation gesellschaftlicher Vernetzungen geschlossen ist.[36] Im Gegenteil,
ökonomische Prozesse können durch gemeinschaftliches Handeln, Verstaatlichung,
durch Vereine oder Kirchen ergänzt und substituiert werden, sie können aber
auch völlig neu in der öffentlichen Kommunikation interpretiert werden.
Die auffallendsten Änderungen –
bei der Einführung neuer Techniken – zeigen die kognitive Relativität
ökonomischer „Fakten“ besonders deutlich: Was eben noch eine wertvolle
Maschine war, kann sich durch eine Innovation in bloßen Ballast verwandeln, der
schnell verschrottet wird („technologische Abschreibung“). Was im Modell des
„realen Sozialismus“ funktionierende Fabrikanlagen der DDR waren, verwandelten
sich nach der Wiedervereinigung Deutschlands vielfach in bloßen „Industrieschrott“
oder gar in eine zu beseitigende „Altlast“. Auf die „realitätsschaffende“
Funktion der Erwartungen und Gerüchte an den Finanzmärkten sei an dieser Stelle
nur verwiesen. All diese Phänomen sind ein deutlicher Hinweis darauf, daß sich
der Gedanke, die „Ökonomie“ sei ein faktischer, empirischer Gegenstand, einfach
verbietet. Ist schon die physikalische Realität nur das, was relativ zu
Meßinstrumenten (z.B. relativ zum menschlichen Auge) erscheint, so sind
ökonomische Tatbestände noch auf viel sensiblere Weise abhängig von der
Interpretation, die in den Kommunikationsprozessen der Gesellschaft alltäglich als
Wirklichkeit erschaffen wird.
Die ökonomischen Prozesse, kreative
Entwürfe für neue Produkte, Unternehmen, Vertriebs- und Organisationsstrukturen
werden in Kommunikationsprozessen „öffentlich“, die auch Marktprozesse
umfassen, sich aber nicht darauf reduzieren lassen (von der eben genannten
Schwierigkeit, den „Markt“ zu definieren, ganz abgesehen). Es ist auch
keineswegs so – wie in seltsamer Übereinstimmung Hayek und Luhmann behaupten –,
daß erst der Markt ökonomische relevante Tatbestände zugänglich mache, daß nur
die Preise hierbei eine Signalfunktion erfüllen. Zahllose Normvereinbarungen,
Tests, Besprechungen in der Presse usw. für neue Produkte erfolgen zunächst
über die informellen Kanäle der Medien, der wissenschaftlichen Öffentlichkeit
durch Gutachten, durch den polistischen Diskurs. Der Entwurf dessen, was
die Ökonomie an Neuerungen verwirklicht, wird nicht erst am Markt
selektiert oder modifiziert, dies geschieht bereits in einer weitaus früheren
Phase. Und es ist diese frühere Phase, die selbst Teil der ökonomischen
Prozesse wird. Die Erwartungen des Börsenparketts richten sich nicht primär auf
tatsächliche Marktprozesse, sie reagieren auf Strategien, Planungen,
politische Ankündigungen usw. Mit einem Wort: Die „Selektion“ ist in der
menschlichen Gesellschaft auch bei Marktprozessen nicht von der „Mutation“
getrennt, wie das für natürliche Systeme durch die Trennung von Phäno- und
Genotyp der Fall ist. Und selbst bei natürlichen Systemen spielen die den
Handlungsregeln analogen Muster des Verhaltens die Rolle eines Mittlers
zwischen genetischer und phänotypischer Reproduktion.[37]
Die wirtschaftliche Wirklichkeit ist
einerseits Resultat der Veränderung überkommener Strukturen (materieller
Faktoren wie ideologischer Systeme), andererseits und vor allem aber das
Resultat eines Wettbewerbs der Entwürfe. Was als ökonomische (und
gesellschaftliche) Wirklichkeit beobachtbar ist, ist nicht das Ergebnis eines Entwurfs
– darin behält Hayek in seiner Kritik der Planwirtschaft recht. Sie ist aber
das Ergebnis eines „Entwurfs-Wettbewerbs“, der mit politischen, kommunikativen
und ökonomischen Mitteln zugleich geführt wird. Dieser Wettbewerb verursacht zusätzliche
Kosten, die keineswegs „kausal“ aus der bloßen Realisierung des Entwurfs
abgeleitet werden können. Von den Aufwendungen zur Verhinderung des
Marktzutritts eines Wettbewerbers bis zur schlichten Bestechung von Politikern
(in all ihren Spielarten zwischen Legalität und krimineller Handlung) entstehen
soziale Kosten des Wettbewerbs, die – wie die ökologischen Kosten – nirgendwo explizit
auftauchen, vielfach sogar als Teil echter Aufwendungen bilanziert werden. Die
Selektionsfunktion des Marktes ist keineswegs solch ein autonomer, effizienter
Prozeß, als der er in den traditionellen Ökonomie erscheint. Im Gegenteil, die
Kosten können hier den Nutzen oftmals überwiegen.[38]
Gerade weil der Wettbewerb nicht einfach
ein mechanischer, sondern ein kognitiver Prozeß ist, spielt er nicht die
Rolle eines autonomen „neutralen“ Schiedsrichters, sondern wird auf vielfältige
Weise im Interesse der Marktteiler beeinflußt und verändert. Bereits das Bild
einer passiven Signalfunktion der Preise ist weitgehend unzutreffend.
Preise sind, in umfassende Marketingkonzepte eingebettet, selbst Parameter,
durch die der Wettbewerb gestaltet wird. Daß hierbei die Aktionen des
jeweiligen Konkurrenten ebenso einbezogen werden wie die möglichen Präferenzen
der Käufer, spricht nicht gegen, sondern für den Gedanken des Wettbewerbs als
kognitiven, kommunikativ vermittelten Prozeß. Es ist keineswegs zu bestreiten,
daß durch zahlreiche Anbieter oder den Angebotsdruck bei Massenproduktion auch
quasi-mechanische Kräfte wirksam sind. Doch allein die Tatsache, daß immer
wieder durch Preisabsprachen, Fusionen, Marktbearbeitung usw. diese mechanische
Wirkung eines reinen Massenphänomens außer Kraft gesetzt werden kann,
daß immer wieder ein Eingriff der Wettbewerbspolitik gefordert wird –
all dies zeigt, daß die „mechanische“ Kraft des Wettbewerbs als invisible
hand in eine Kommunikationsstruktur eingebettet ist, die jederzeit
ihre Wirkung durch Rechtsnormen, Vereinbarungen, Neuorganisationen usw. substituieren
kann. Der Wettbewerb ist keine letzte Basis des Wirtschaftens. Der Markt
ist vernetzt mit einem Kommunikations- und Informationsprozeß, bezogen auf den
alle seine Ergebnisse relativierbar bleiben. Funktionierender Wettbewerb ist
kein „Naturzustand“, er ist ein Kunstprodukt der Wirtschaftspolitik, das immer
seltener erreichbar ist. Ferner ist die relative Marktmacht, Resultat der
Verteilung von Eigentumsrechten an Produktionsprozessen, dem Wettbewerb und den
Marktprozessen immer auch schon vorausgesetzt. Das ist eine Einsicht,
die von der Trennung von Tausch- und Verteilungsgerechtigkeit bei Aristoteles
bis zum Axiom der Wohlfahrtsökonomie reicht, daß die Markteffizienz invariant
gegenüber der Anfangsverteilung der Güter sei.
Es ist in der traditionellen Ökonomie,
gleich welcher Farbe, nie bestritten worden, daß politische Eingriffe
Marktprozesse substituieren können (Interventionismus) – und umgekehrt
(Deregulierung). Die philosophische Pointe dieses Gedankens wurde jedoch
kaum gesehen. „Substitution“ heißt, etwas funktional Gleichartiges zu
ersetzen, wie gut oder schlecht man immer die jeweilige Funktion beurteilen
mag. Das tertium comparationis dessen, was bei einer
Substituionsbeziehung zwischen Markt und Politik unterstellt wird, ist eine
soziale Funktion. Diese Funktion erfüllen die Handlungsprogramme, die als erwartete
schon vor ihrer technischen oder konsumtiven Realisierung in eine kommunikative
Öffentlichkeit der Medien, der Politik, des die Märkte begleitenden Diskurses
eintreten. Hier wird – im Wettstreit der Ideen – etwas als Wirklichkeit
entworfen, was dann in vielen nachgelagerten Entscheidungsprozessen auch
materielle Gestalt gewinnt in Produkten, Produktionsprozessen, Vertriebsformen
oder Lebensstilen.
5 Die Untrennbarkeit von
Werturteil, Politik und Theorie
Aus diesem (postmechanischen) Blickwinkel
erscheint die Funktion der ökonomischen Theorie in einem völlig anderen Licht.
Weshalb werden mechanische Theorien der Wirtschaft immer wieder entwickelt,
gelehrt und öffentlich vertreten, obgleich ihre Funktion als
Prognoseinstrument fast einhellig zynisch beurteilt oder mit einem Achselzucken
beiseitegeschoben wird? Weshalb reproduzieren sich ökonomische Theorien, die
gemessen an den Standards der als Vorbild gepriesenen Naturwissenschaften
bestenfalls der Astrologie oder den Befunden der Paraspychologie vergleichbar
sind? Eine postmechanische Ökonomie muß auch diese Frage beantworten
können, weil sie eine Trennung zwischen Theorie und „Gegen-Stand“ für die
Sozialwissenschaften zurückweist. Und diese Frage läßt sich, sogar relativ
einfach, beantworten. Gerade die prognostische Nutzlosigkeit der neoklassischen
Modellwelten kann das offenlegen: Die neoklassische oder (mit einigen
Modifikationen) die neoliberale Theorie erfüllen nicht die Aufgabe einer
empirischen Erklärung, sie ist selbst ein politisches Handlungsprogramm.
Die zentralen Aussagen der Neoklassik sind ethische Sätze; sie erklären
nicht faktisches Verhalten , sie wollen Handelungen programmieren.[39]
Auch hier können wir feststellen, daß
sich diese Erkenntnis nicht nur in den Sozialwissenschaften, sondern auch in
der analytischen Philosophie durchzusetzen beginnt. Da jeder Begriff in seiner Bedeutung
immer in soziale Handlungssituationen eingebettet ist, da ferner jede
Wissenschaftssprache die Alltagssprache als letzte „Metasprache“ verwenden muß
– will sie nicht unverständlich
sein –, kann die Bedeutung von Begriffen der Wissenschaften auch nie von den
impliziten Werturteilen des Handelns getrennt werden. Deshalb zeigt sich, „daß
die Vorstellung von einem scharfen Schnitt zwischen ‚Fakten‘ und ‚Werten‘ grundfalsch
ist.“[40] In den
Sozialwissenschaften kommt der Umstand hinzu, daß die bloße Beschreibung
von „Fakten“ zugleich Fakten schaffen kann – nicht nur an der Börse, wo
jedes Gerücht schon Existenzen vernichten oder Reichtum zu erzeugen in der Lage
ist, sondern auch und gerade in der Entwicklung neuer Produkte, Organisations-
und Kommunikationsformen. Die Kreativität des Menschen mag nicht bis in die
Grundlagen der materiellen Welt reichen, sie reicht aber ganz sicher in die
Grundlagen der sozialen Welt.[41]
Die Vorstellung einer Trennung von Ordnung
(als Rahmen) und Prozeß, charakteristisch in der herkömmlichen
Einteilung in Ordnungs- und Prozeßpolitik, läßt sich deshalb nicht
aufrechterhalten. Man denkt sich hierbei den Staat und die Eigentumsordnung als
bloßen Rahmen, innerhalb dessen sich dann quasi-natürliche
Wettbewerbsprozesse abspielen sollen. Der Fehler dieses Gedankens zeigt sich
schon an der einfachen Beobachtung, daß sich die Marktteilnehmer nicht blind
oder naturhaft auf die Rechtsnormen, auf den „Rahmen“ beziehen. Sie
interpretieren das Recht, legen es ihren Entscheidungen zugrunde oder versuchen
es (mit legalen und weniger legalen Mitteln) aktiv zu beeinflussen. Das ist ein
kognitiver, kein mechanischer Vorgang, und kognitive Prozesse
sind immer bedeutungsoffen. Die Rechtsnormen, politische Vorgaben und ethische
Sätze sind keine ökonomischen Regeln, aber sie sind funktional mit ihnen
verkoppelt. Diese Einsicht zeichnet sich schon bei Schumpeter ab, wenn er das Wahlverhalten
in Demokratien als ökonomisches Kalkül der Werbung mit Wahlgeschenken um die
Wählergunst beschreibt. Diese „Neue Politische Ökonomie“ macht am Beispiel der
Konjunkturpolitik deutlich, woran der Keynesianismus scheiterte: Zwar sah
Keynes in der Ungewißheit einen wesentlichen Bestimmungsgrund bei der Erwartungsbildung
auf den Märkten, auch war er ein strikter Gegner der Rationalisierung der
Entscheidungen durch ein Benthamsches Nutzenkalkül, doch für die politische
Klasse unterstellte er gleichsam eine autonome, platonisch getrennte
Vernunft als Inkarnation eines Gemeinwohls, das allein zu definieren in
Demokratien mit Mehrheitsentscheidungen unmöglich ist.
Hayek hat die funktionale Selbständigkeit
von Rechtsregeln und ihre Entwicklung sehr klar gesehen. Allerdings, ich habe
schon darauf hingewiesen, machte er für die Regeln des Handelns eine blinde, evolutionäre Mechanik
verantwortlich, die als Selektion von Gruppenpraktiken in einen seltsamen
Gegensatz zum methodischen Individualismus seines Neoliberalismus geriet. Die
Unvorhersagbarkeit von (künftigen) Handlungsregeln ist nicht darauf
zurückzuführen, daß diese Regeln des Handelns „nur durch äußere Faktoren
zustande kommen.“[42]. Vielmehr sind solche
Regeln durchaus auch das Ergebnis bewußter Entwürfe (Gesetzesvorlagen,
Vorschläge von Interessengruppen usw.), nicht aber ihre Realisierung.
Die Realisierung von Rechtsnormen oder anderen Handlungsregeln erfolgt in Wechselwirkung
mit ökonomischen Prozessen, wird vielfach korrigiert, verändert und angepaßt im
Rahmen einer Öffentlichkeit, die nicht neben den Marktprozessen
eine aparte Existenz besitzt, in die vielmehr Marktprozesse als
Kommunikationsprozesse eingebunden sind.
Wenn man schon die Sprache der
Evolutiontheorie sprechen will, dann muß man von einer Ko-Evolution von Recht
und Wirtschaft ausgehen, in der beide Teile eine gewisse Selbständigkeit
besitzen, worin auch Funktionen wechselseitig substituiert werden können –
Rechtsnormen durch private Organisationsformen und umgekehrt –, die aber nicht
zueinander in einem Verhältnis von Form und Inhalt, von Ordnung und Prozeß oder
von Basis und Überbau stehen. Der Veränderungsprozeß der Wirtschaft ist uno
actu ein Veränderungsprozeß der „Rahmenbedingen“. Die Beziehung, die hier
vorherrscht, ist nicht eine von Form und Inhalt („Staat und Wirtschaft“),
sondern eine zwischen relativen Machtpositionen durch Marktbeherrschung
und die Kontrolle von Zahlungsströmen. Der Zentralbank kommt durch das
Geldmonopol darin ebenso eine Sonderrolle zu wie dem Staatshaushalt durch die
Steuerhoheit. Doch gerade die globale Ökonomie zeigt im Spiel zwischen
Konzernen und Politik, im Kampf um Standorte durch politische Anreize, daß es
sich hier nicht um ein Verhältnis von Über- und Unterordnung, von Form und
Inhalt handelt, sondern um ein Verhältnis zwischen funktional
gleichrangigen Größen.
Die Wirtschaftswissenschaft kann
in diesem auf medialem Feld ausgetragenen Wettbewerb der Konzepte und Entwürfe
nicht als externe Erklärungsinstanz auftreten. Sie kann sich – und faktisch
hat sie außerhalb universitärer Elfenbeintürme nie etwas anderes getan –
nur als Gesprächspartner an der Kommunikation beteiligen. Will sie
hierbei wirkliche Kompetenz erlangen, will sie einen Beitrag dazu liefern, den
öffentlichen Diskurs von blinden und irreführenden Modellen befreien zu helfen,
die eigentlich doch nur als ethische Sätze fungieren, so wird sie
gezwungen, die Vorstellung einer Trennung von ihrem Gegenstand aufzugeben. Die
falsche mathematische Rüstung, die nur jene erschreckt, die ihre mechanische
Bauform nicht durchschauen, muß weitgehend abgestreift werden. Keynes hatte das schon klar gesehen, wenn er bissig bemerkt: „Too large
a proportion of recent ‚mathematical‘ economics are merely concoctions, as
imprecise as the initial assumptions they rest on, which allow the author to
lose sight of the complexities and interdependencies of the real world in a
maze of pretentious and unhelpful symbols.“[43]
Eine postmechanische Ökonomie ist in gewisser
Weise wieder eine Moralwissenschaft. Sie weiß, daß es vom menschlichen
Handeln keine getrennte, positive Theorie geben kann, daß jede
Beschreibung der sozialen Welt die soziale Welt selbst verändert und insofern
implizit ethischen Charakter besitzt. Sie kehrt aber nicht zur normativen
Ökonomie des 19. und 20. Jahrhunderts zurück. Die Kritik an willkürlichen
Werturteilen aus frei konstruierten Systemen, die Max Weber zurecht übte,
bleibt gültig. In Wahrheit war die „normative Ökonomie“ nur das Spiegelbild der
mechanischen Theorie. Ging letztere von einem autonomen, quasi-natürlichen
Gegenstand aus, so unterstellte erstere eine äußere Formbarkeit der
Wirtschaft aus freien ordnungspolitischen Entwürfen. Auch der Marxismus war
letztlich diesem Spiegelbild des Mechanismus verhaftet, wenn er von einer freien
Planbarkeit der Wirtschaft durch eine Vernunft, eine Zentrale
ausging. Auf besonders klare Weise hat diese Folgerung ein Mitstreiter Lenins –
Nikolai Bucharin – zum Ausdruck gebracht, wenn er, anknüpfend an die Erwartung
eines Zusammenbruchs des Kapitalismus, sagte: „Die alte Gesellschaft spaltet
sich, sowohl in ihrer Staats- wie in ihrer Produktionsgestaltung, zerfällt
bis unten hinab, bis zu ihren tiefsten Tiefen. Noch niemals hat ein so
gewaltiger Bruch stattgefunden. Aber anders könnte sich die Revolution des
Proletariats nicht vollziehen, das aus den zerfallenden Elementen, in neuem
Zusammenhang, in neuen Kombinationen, nach neuen Prinzipien, das Fundament der
neuen Gesellschaft baut.“[44] Bucharins mechanistische
Konzeption der kommunistischen Gesellschaft ist nur die Extremform jener
Vorstellung, die auch in der Ordnungspolitik herrscht, wenn die „Marktatome“
des Wettbewerbs in einen Rahmen gestellt werden sollen, der sie in „Form“
bringt. Meist erscheint diese Vorstellung nur negativ: Man gibt einer
bestimmten Regelung die Schuld, daß sich bestimmte Marktprozesse nicht entfalten
können und fordert Deregulierung. Doch hierbei wird verkannt, daß jeder
Markt seine Ordnung besitzt – selbst eine Mafia-Ökonomie. Der temporäre Effekt
einer Deregulierung sagt nichts aus über die längerfristigen Ergebnisse des
sich neu organisierenden Marktes und dessen Interaktion mit politischen
Prozessen. (Manches privatisierte Staatsmonopol wurde nach einigen Jahren des Wettbewerbs
als privater Konzern mit marktbeherrschender Stellung wiedergeboren.)
Die Ökonomie als Wissenschaft entwirft
nicht die Form für formlose Atome, sie bildet auch keinen naturhaften
Gegenstand ab und schreibt der Wirtschaft keine Normen vor – sie kann aber dazu
beitragen, die zirkulierenden Denkmodelle zur Erklärung der Wirtschaft zu
kritisieren und auf ihre teils destruktiven Konsequenzen hinweisen. Ökonomische
Wissenschaft als postmechanische Ökonomie begreift sich als Teilnehmer
an einem Kommunikationsprozeß, den sie weder dominieren kann noch möchte. Was
sie an formaler „Wissenschaftlichkeit“ zu verlieren scheint, gewinnt sie an
begrifflicher Genauigkeit und wird so, nicht mehr als Disziplin strikt getrennt
von der Philosophie, Mitspieler im Prozeß der Selbstgestaltung der Menschen.
Daß sich hierbei auch die Auslegung der Natur nicht mehr auf einer Insel
unberührbaren Wissens von der sozialen Kommunikation trennen lassen wird, ist
eine bislang ungedachte Konsequenz einer zu ende gehenden Arbeitsteilung
zwischen Naturwissenschaft und Ökonomie.
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[1]Eine Printfassung dieses Beitrags ist erschienen
in: R. Benedikter (Hg.), Postmaterialismus, Band 1: Einführung in das
postmaterialistische Denken, Wien 2001, S. 117-142.
[2]R. Wisser, Das Fernseh-Interview, in: G.
Neske (Hrsg.), Erinnerung an Martin Heidegger, S. 286.
[3]In der Wirtschaftspresse ist das fast ein
Gemeinplatz, z.B.: „Die noch junge Disziplin Ökonomie verzeichnet
vergleichsweise bescheidene Prognoseerfolge; man denke nur an die
Konjunkturvorhersagen der ‚Fünf Weisen‘ oder der ‚führenden
Forschungsinstitute‘. Von naturwissenschaftlicher Exaktheit sind diese Experten
Lichtjahre entfernt.“ Hendrik Munsberg, Dreiste Ökonomen, SZ vom 8.3.1996.
[4]Thomas v. Aquin, In duodecim libros
Metaphysicae Aristotelis expositio (Prooemium); in: Prologe zu den
Aristoteleskommentaren, hrsg. v. F. Cheneval und R. Imbach, Frankfurt am Main
1993, S. 100. Vgl. auch M. Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik,
Gesamtausgabe Band 29/30, S. 70.
[5]Vgl. K.-H. Brodbeck, Die fragwürdigen
Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik der modernen
Wirtschaftswissenschaften, Darmstadt 1998; ders., Die Nivellierung der Zeit in
der Ökonomie; in: J. Manemann (Hrsg.), Befristete Zeit, Jahrbuch Politische
Theologie, Band 3 (1999), S. 135‑150 für eine ausführliche Darstellung
und Kritik.
[6]K. E.
Boulding, The Economics of Knowledge an the Knowledge of Economics, American
Economic Review 56 (1966), S. 1-13; wiederabgedruckt in: D. M. Lamberton (ed.),
Economics of Information and Knowledge, Harmodsworth 1971, S. 30.
[7]Vgl. hierzu die lesenswerten Überlegungen
von G. Soros, Die Krise des globalen Kapitalismus. Offene Gesellschaft in Gefahr, Berlin 1998; zur formalen
Struktur dieser Frage: K.-H. Brodbeck, Transrationalität, Münchener
Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge Nr. 86-09, München 1986.
[8]A. Comte, Abhandlung über den Geist des
Positivismus (1844), übers. v. F. Sebrecht, Leipzig 1915, S. 20; meine
Hervorhebung.
[9]J. N.
Keynes, The Scope and Method of Political Economy, London 1891; Kelley Reprint New
York 1965, S. 36.
[10]Vgl.
M. Friedman, Essays in Positive Economics, Chicago 1953.
[11]M.
Friedman, The Methodology of Positive Economics; in: M. Brodbeck (ed.),
Readings in the Philosophy of the Social Sciences, New York 1968, S. 517.
[12]Vgl.
M. Brodbeck, Methodological Individualisms: Definition and Reduction; in: M.
Brodbeck (ed.), Readings in the Philosophy of the Social Sciences, New York
1968, S. 280-303.
[13]J. von Kempski, Handlung, Maxime und Situation;
in: H. Albert (Hg.), Theorie und Realität,
Tübingen 1964, S. 245.
[14]Friedman geniert sich auch nicht, hierzu
den physiokratischen Terminus der „Natur“ zu verwenden, wenn er der Wirtschaft
quasi-naturhafte Gleichgewichte zuschreibt wie eine „natürliche Arbeitslosigkeit“
oder einen „natürlichen Zinssatz“.
[15]Vgl. für eine ausführliche Diskussion J.
L. Stein, Moneatrist, Keynesian & New Classical Economics, Oxford 1982;
Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie a.a.O., Kapitel 3.5.
[16]J. F.
Muth, Rational Expectations and the Theory of Price Movements; in: R. E. Lucas,
Jr., T. J. Sargent (ed.), Rational Expectations and Econometric Practice,
Volume 1, Minneapolis 1988, S. 6.
[17]Man setzt den „erwarteten“ Wert eines
Preises dem statistischen Erwartungswert gleich; bei einer normalverteilten
Variablen ist der Erwartungswert der Streuungen (Abweichungen der Prognose von
den „Fakten“) gleich Null. Nun unterstellen Muth und Lucas eine normalverteilte
Zufallsvariable „Preis“; durch diesen Trick können sie den Erwartungswert E(p)
der „tatsächlichen“ Variablen p gleichsetzen. Doch das ist eben nur ein Trick.
Er beinhaltet, daß man für jedes Produkt auch mit Gewinn eine
Versicherungspolice verkaufen könnte – wie man aber weiß, hat es noch nie
„Versicherungen“ gegen Geschäftsrisiken, für Warentermingeschäfte oder gegen
Kursverluste bei Wertpapieren gegeben.
[18]F. A.
Hayek, Studies in Philosophy, Politics and Economics, London and Henley 1967,
S. 35.
[19]Dieser zentrale Punkt wird von der an
Popper orientierten Wissenschaftstheorie nicht gesehen: „Eine den Spielregeln
der empirischen Wissenschaft entsprechend konstruierte Theorie erlaubt
grundsätzlich wissenschaftliche Vorhersagen des zukünftigen Geschehens in ihrem
Objektbereich, gleichgültig, ob es sich um physikalische Ereignisse,
vitale Prozesse oder die Entwicklung sozialer Beziehungen zwischen Menschen und
Menschengruppen handelt.“ H. Albert, Theorie und Prognose in den
Sozialwissenschaften; in: E. Topitsch (Hrsg.), Logik der Sozialwissenschaften,
Köln-Berlin 1971, S. 130; meine Hervorhebung.
[20]Vgl. K.-H. Brodbeck, Kreativität und
Unsicherheit. Zur Synthese der Theorien von Schumpeter und Keynes, praxis
perspektiven 1 (1996), S. 107-112; ders., Die fragwürdigen Grundlagen des Neoliberalismus.
Wirtschaftsordnung und Markt in Hayeks Theorie der Regelselektion, Zeitschrift
für Politik (erscheint 1/2000).
[21]J. Schumpeter, Das Wesen und der
Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie, Berlin 1908 (Reprint 1970).
[22]J. Schumpeter, Theorie der
wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 51951, S. 100.
[23]Vgl. K.-H. Brodbeck, Gewohnheitsbildung
und kreative Destruktion, Vortrag am Max‑Planck‑Institut zur
Erforschung von Wirtschaftssystemen, Jena 1997; der Text ist auch als
Online-Publikation verfügbar unter: http://www.fh‑wuerzburg.de/professoren/bwl/brodbeck/texte/jena/_jena.htm.
[24]Vgl. Brodbeck, Die fragwürdigen
Grundlagen des Neoliberalismus a.a.O.
[25]„By
‚uncertain‘ knowledge, let me explain, I do not mean merely to distinguish what
is known for certain from what is only probable. The game of roulette is not
subject, in this sense, to uncertainty; nor is the prospect of a Victory bond
being drawn. Or, again, the expectation of life is only slightly uncertain.
Even the weather is only moderately uncertain. The sense in which I am using
the term is that in which the prospect of a European war is uncertain, or the
price of copper and the rate of interest twenty years hence, or the obsolenscence
of a new invention“, J. M. Keynes, The General Theory and After, Part II,
Collected Writings Vol. XIV, S. 113f.
[26]„Thus
entrepreneurial profits are ultimately attributable to uncertainty and,
conversely, entrepreneurs themselves produce uncertainty by the innovations
which they create.“ M. Morishima, Walras´ Economics. A pure theory of capital
and money, Cambridge 1977, S. 209.
[27]Dieser statistisch „mittlere Mensch“
wurde bereits von Quetelet eingeführt: „Der Mensch, wie ich ihn hier betrachte,
ist in der Gesellschaft dasselbe, was der Schwerpunkt in den Körpern ist (...)
Wenn man die Grundlagen einer sozialen Physik einigermaßen feststellen
will, so muß man den Menschen unter diesem Gesichtspunkte auffassen“, A.
Quetelet, Soziale Physik, Band I, Jena 1914, S. 165 (Original 1835).
[28]Nach Robert M. Solow ein Anteil von nicht
weniger als 7/8 aller erklärenden Faktoren, vgl. R. Solow, Technical Change and
the Aggregate Production Function, Review of Economics and Statistics 39
(1957), S. 312-320.
[29]F. A. von Hayek, Recht, Gesetzgebung und
Freiheit, Band 1: Regeln und Ordnung, Landsberg 21986, S. 49.
[30]Vgl. zur Kategorie des
„Handlungsprogramms“ K.-H. Brodbeck, Erfolgsfaktor Kreativität. Die Zukunft
unserer Marktwirtschaft, Darmstadt 1996, Kapitel 8; ders., Die fragwürdigen
Grundlagen des Neoliberalismus a.a.O.
[31]Vgl. Brodbeck, Erfolgsfaktor a.a.O.
Kapitel 14.
[32]Vgl. Brodbeck, Erfolgsfaktor a.a.O.,
Kapitel 17 für einen Überblick und eine Kritik der traditionellen Zinstheorien.
[33]„In der That, wenn bei der freien
Konkurrenz in gewissen Unternehmungen der Verkaufs-Preis der Produkte grösser
ist, als ihr Herstellungs-Preis in produktiven Diensten, was einen Gewinnst
bedeutet, so strömen die Unternehmer zu, oder entfalten ihre Produktion, was
wiederum das Quantum der Produkte vermehrt, den Preis drückt und den Absatz
beschleunigt. (...) Sonach haben beim Zustand des Gleichgewichts der Produktion
die Unternehmer weder Gewinnst noch Verlust.“ L. Walras, Mathematische Theorie
der Preisbestimmung der wirthschaftlichen Güter, Stuttgart 1881, S. 46f. Vgl.
auch die Diskussion zwischen J. A. Schumpeter und E. von Böhm-Bawerk: E. von
Böhm-Bawerk, Eine „dynamische Theorie
des Kapitalzinses“, J. Schumpeter, Eine „dynamische“ Theorie des Kapitalzinses.
Eine Entgegnung, Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und
Verwaltung, 22 (1913), S. 1-62 und S. 599-639.
[34]Vgl.
R. R. Nelson, S. G. Winter, An Evolutionary Theory of Economic Change,
Cambridge-London 1982.
[35]Vgl. z.B. U. Witt, Individualistische
Grundlagen der evolutorischen Ökonomik, Tübingen 1987.
[36]Luhmann hat zwar gesehen, daß die
Ökonomie nur durch Differenzierung des sozialen Systems verständlich wird, aber
er folgt auf seltsamen Umwegen der Vorstellung einer (autopoietisch)
geschlossenen Systemstruktur, die jede Individualität und kreative Entwürfe
eliminiert. Vgl. meine Diskussion mit Luhmann in der Zeitschrift für Politik 38
(1991), S. 317ff., 39 (1992), S. 191ff. und 39 (1992), S. 436ff. F. Varela, der
mit H. Maturana zusammen die Theorie autopoietischer Systeme entwickelte, hat
gesprächsweise und nachdrücklich die Übernahme des Begriffs „Autopoiesie“ durch
Luhmann als Mißgriff abgelehnt.
[37]Vgl. J. Piaget, Das Verhalten –
Triebkraft der Evolution, Salzburg 1980.
[38]Zahlreiche Erfahrungen mit der Privatisierung
von Staatsunternehmen zeigen das nachdrücklich. Die Kosten des Wettbewerbs
werden vielfach in einer Verminderung der Qualität aufgefangen, die dann nicht
zuletzt zu erheblichen Sicherheitsrisiken führen kann. Die Erfahrung mit der
Bahnprivatisierung in Deutschland zeigt dies ebenso wie die Privatisierung von
Hafenanlagen in Südamerika oder der Stromversorung in asiatischen Ländern.
Diese leicht vermehrbaren Beispiele werden von der neoliberal dominierten
Forschung jedoch kaum eingehend untersucht; ein wichtiges Aufgabenfeld für eine
postmechanische Wirtschaftswissenschaft.
[39]Ich habe deshalb die traditionelle
Ökonomie auch als implizite Ethik bezeichnet; vgl. Brodbeck, Die Nivellierung
der Zeit a.a.O, S. 146ff.; ders., Verborgene Wert in der globalen Ökonomie.
Aspekte impliziter Ethik, Ethik-Letter-LayReport 3/1999, S. 4-10.
[40] H. Putnam, Für eine Erneuerung der
Philosophie, Stuttgart 1997, S. 173.
[41]Diesen wichtigen Punkt kann ich hier
nicht vertiefen; vgl. I. Hacking, Was heißt ‚soziale Konstruktion‘?,
Frankfurt/M. 1999.
[42]F. A. von Hayek, Die Anmaßung von Wissen,
Tübingen 1996, S. 123.
[43]J. M.
Keynes, The General Theory Of Employment Interest And Money, Collected Writings
Vol. VII, S. 298.
Mathematische Modelle können illustrativen Charakter bei quantiativen Verhältnissen
haben. Die Zahl ist aber nicht das Wesen der sozialen Phänomene. Quantitäten in
der Ökonomie sind ex post analysierbar, doch daraus lassen sich gerade
keine Schlüsse bezüglich künftiger Quantitätsverhältnisse ziehen; vgl.
Brodbeck, Die Nivellierung der Zeit a.a.O.; ders. Die fragwürdigen Grundlagen
der Ökonomie, Teil 3.
[44]N. Bucharin, Ökonomik der
Transformationsperiode, Reinbek bei Hamburg 1970, S. 7.