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Paul Winkler war während der letzten Jahre mehrfach Teilnehmer im internationalen Wettbewerb der Westdeutschen Kurzfilmtage; dabei dürfte er jedoch gleichzeitig auch einer der unbekanntesten Filmemacher im Wettbewerb gewesen sein. Diese scheinbar unlogische Kombination wird leicht erklärbar, wenn man weiß, daß Winkler nicht nur aus einem der “unterentwickelten” Filmländer stammt, denen man gemeinhin stärkeres Desinteresse entgegenbringt (in diesem Fall Australien), sondern auch das “Pech” hat, Experimentalfilme zu machen, gegen die gerade das Oberhausener Publikum im Laufe der 70er Jahre verstärkt Aversionen aufgebaut und gepflegt hat. Dabei müßte ironischerweise gerade Paul Winkler den Oberhausener Ansprüchen genügen, mehr noch als fast alle, die sich leichthin zu selbsternannten Anwälten der unterdrückten Massen aufschwingen. 1939 in Deutschland geboren, wanderte Winkler 1959 vor der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik nach Australien aus, wo er seitdem lebt. Seinen Lebensunterhalt und das Geld für seine Filme verdient er sich seitdem als Maurer in harter Knochenarbeit auf dem Bau. Auftragsproduktionen gibt es nicht, und auch die sonst von Filmemachern des Experimentalfilms gern genutzte Möglichkeit zum Unterrichten einer Filmklasse besteht für ihn in Australien nicht. Um keine Kompromisse eingehen zu müssen, nicht unter den Zwang künstlerischer Prostitution zu fallen, will Winkler auch weiterhin so arbeiten wie bisher. Mit diesen Vorinformationen betrachtet, dürfte BRICKWALL (Oberhausen 1977) sicherlich einer der aufschlußreichsten Filme überhaupt sein, die in den letzten Jahren in der Bundesrepublik zu sehen waren. In diesem 22minütigen Film wird nichts anderes gezeigt als eine Wand aus frisch gemauerten Steinen, unterlegt mit dem Schaben und Klopfen der Kelle. Durch Kameratechniken verändert sich das Bild allmählich, tritt eine Verfremdung des Gegenstandes ein. Winkler hat mit diesem Film nicht nur seine handwerkliche Arbeit als Maurer reflektiert, mit all ihrer immanenten Monotonie, welche auch prompt die “Massen” aus dem Zuschauerraum trieb, sondern auch eine Programmatik seiner Arbeit abgegeben, nämlich die Veränderung vorgegebener Realitäten durch mechanische und optische Verfahren in der Kamera auf bestimmte emotionale Ebenen hin. BRICKWALL hat damit nicht nur den großen Preisträger von 1969 HEINRICH VIEL in der Darstellung trostloser rbeitsverhältnisse eingeholt, sondern hat seinen Gegenstand darüberhinausgehend auch noch medial reflektiert. Auch DARK (1974) ist eines der raren Beispiele auch äußerlich politischer Experimentalfilme. Durch Koppelung von Aufnahmen aus der Kultur der australischen Ureinwohner mit einer Demonstration, in der sie gegen die Enteignung ihres Landes durch die Weißen protestieren, ist Winkler ein treffender und betroffen machender Einblick in eine für uns unbekannte Problematik gelungen. Nie sind Hektik und aufgeheizte Emotionen auf einer Demonstration überzeugender ins Bild gesetzt worden, als es Winkler beispielsweise durch rein filmische Techniken (verrissene Zooms, Stakkato-Schnitt usw.) gelungen ist. Politische Agitation, das zeigt die Geschichte, ist nicht nur Intellekt, sondern genauso schließlich explodierende Emotion; eine Lektion, die die meisten sich rein politisch verstehenden Filmemacher leider nicht gelernt haben. Allerdings läge man schief, wenn man Winklers Werk als das eines quasi Vorzeige-Handwerkers betrachtete. Er selbst hat seinen Anspruch so formuliert: “Mein Verhältnis zum Filmen ist primär organisch. Die Filme bilden eine Synthese aus Intellekt und Emotion, gefiltert durch das Plastikmaterial Film. Ich versuche, die Visionen und Bilder frei an die Oberfläche kommen zu lassen.” Intellekt im Experimentalfilm, das sind die Strukturalisten, die reinen Formalisten, die die Filmsprache weiterbringen wollen, wobei oft die Magie des Bildes auf der Strecke bleibt. Oder, wie einer der bekanntesten englischen Strukturalisten sich mir gegenüber einmal äußerte: “Meine Filme sind stinklangweilig, aber sehr wichtig”. Emotion im Experimentalfilm, das sind die Symboliker, für die nur der Inhalt zählt, oft sinnentrunkene Bilder, die jedoch in einer chaotischen Form zu ersticken drohen. Wie etwa die Anfänge des New American Cinema. Winkler balanciert erfolgreich auf dem schmalen Grat zwischen beiden Extremen. Seine Filme stecken voller sinnlicher visueller Eindrücke, die man genießt, ohne jemals das Gefühl zu haben, daß der Filmemacher sie mangels äußerer Form nicht mehr im Griff hätte. Diese wohlausgewogene Balance kommt überall in der Welt, mit der großen Ausnahme von Oberhausen vielleicht, beim Publikum an, wie die beeindruckende Liste der Preise beweist, die seine Filme gewonnen haben und die Anzahl der Kopien, die im Besitz von Cinematheken sind. Erst im Herbst 1978 hat das Museum of Modern Art in New York Winklers Gesamtwerk (rund 10 Filme) für die USA aufgekauft und verleiht die Filme dort im großen Stil. Eine Anerkennung, die nur wenigen nicht-amerikanischen Filmemachern zuteil geworden ist. SYDNEY HARBOUR BRIDGE, 1978 in Oberhausen gelaufen, ist ein gutes Beispiel für Winklers filmische Arbeit. Der Film besteht aus 60 Einstellungen, die genaugenommen nur zwei Gegenstände haben: die berühmte Hafenbrücke von Sydney mit ihrem charakteristischen Bogen bzw. Teile davon, sowie funkelnde, glitzernde, bewußt unscharf gehaltene Wasserreflexe. Diese wenigen Vorgaben, im Bereich der Bildenden Kunst als “Minimal Art” bekannt, variiert Winkler virtuos zu einem faszinierenden Gebilde. SYDNEY HARBOUR BRIDGE ist eine Abhandlung über die sinnliche und ästhetische Spannung zwischen der statischen stählernen Brücke und ihrer Umgebung, dem Wasser als flüssigem, kinetischem Element. Typisch genug, daß Winklers erste Einstellung eben jene funkelnden, unscharfen Wasserreflexe zeigt, nicht etwa die Brücke: sie ist eingebettet. Der Aufbau des Films erscheint zunächst einfach, fast strukturalistisch. Gleichzeitig sieht man auf fünf Schichten übereinander Panoramaschwenks des Hafens mit der Brücke, dann drei Schwenks über die Brücke, und dann abwechselnd die Brücke oder Teile davon als Insert in den Wasserreflexen bzw. genau umgekehrt. Schon mit der zwölften Einstellung besteht das Bild jedoch aus konzentrisch ineinander geschachtelten Quadraten, Rechtecken, die sich in immer weiteren Variationen verlieren, zahllos unterteilt, bis jeder Gedanke an Formales beim Zuschauer erlischt und er sich ganz an der Leinwand festsaugen möchte. Die Statik, das Stählerne wird völlig aufgelöst in Bewegung, die Leinwand besteht aus bis zu 16 unterschiedlichen Teilen, und acht bis zehn Bildfragmente gleichzeitig auf der Leinwand sind die Regel. Alles funkelt, glitzert, sprüht, aus Brücke und Wasser bildet sich eine neue Form, die irgendwo zwischen Spiegeln, Kristallen und Perlenketten angesiedelt zu sein scheint. Der schlichte, kongeniale Soundtrack unterstützt diese Wirkung noch: ein Mittelding aus klingenden Gläsern und bimmelnden, winzigen Glöckchen. Im Gegensatz zu den meisten Amerikanern, die das Bild ähnlich unterteilen, arbeitet Winkler nicht mit dem Printer oder im Labor. Anders auch als Bastian Clevé in seinem 77fach unterteilten LICHTBLICK verwendete Winkler kein Gestell, in dem er bei jeder Belichtung andere Kästchen auf- und abdeckte. Er arbeitete vielmehr mit der simpelsten, jedoch schwierigsten Methode, dem Kasch. In diesem Fall wohl einer Glasscheibe vor dem Objektiv, auf dem bei jeder Aufnahme bestimmte Teile abgeklebt oder offen sind. Nur wer sich selbst einmal an solchen Aufnahmen versucht hat, begreift die Sisyphusarbeit eines solchen Vorhabens. 16 verschiedene Bildteile bedeuten 16malige Belichtung desselben Streifen Films, jeweils neue Abdeckung des Kaschs, Rückkurbelung, Neubelichtung. Und wie gesagt, der Film besteht aus 60 Einstellungen! Jede einzelne Einstellung muß vorher genau ausgeklügelt sein, mit Sekundenbruchteilen berechnet, um im fertigen Film genau den gewollten Effekt zu erreichen. Da darf nicht ins Gewicht fallen, daß bei genauer Analyse am Schneidetisch zwei, drei Unaufmerksamkeiten des Regisseurs zu entdecken sind und auch der Kasch mal nicht perfekt horizontal sitzt. SYDNEY HARBOUR BRIDGE ist weder e x p e r i m e n t e l l noch a v a n t g a r d i s t i s c h. Er war für mich das Erlebnis in Oberhausen, weil er gezeigt hat, daß Film nach wie vor die perfekte Illusion sein kann und visuelle Möglichkeiten besitzt, die noch lange nicht voll ausgeschöpft sind. Bericht 24. Westdeutsche Kurzfilmtage, Oberhausen 1978
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