EIN PURPURSEGEL IN WEITER FERNE

Ein trüber Wintermorgen irgendwo in einer ruhigen Altstadtecke mit Häusern der Jahrhundertwende. Die Fensterscheiben leicht beschlagen, einzelne Wassertropfen, vielleicht nieselt es ein wenig. Fast leere Straßen, irgendwo im Hintergrund ruhige Musik, kaum wahrnehmbar. Fröstelnd, ein Tagtraum vor der Heizung, ein leerer Blick in die Ferne, hinaus, in den Sommer der Wärme. Die Sehnsucht nach Weite, Abenteuer, die Freiheit des Erlebens. Schemen tauchen in der Erinnerung auf, verschwinden, nehmen Gestalt an. Bilder reihen sich aneinander, unmerklich fast, bilden einen Fluß von Gedanken, Erinnerungen, Assoziationen. Ich sitze hier, in diesem Raum, blicke auf kahle Bäume, geparkte Autos, einen Fußgänger. Und bin gleichzeitig ganz woanders, in einer unbestimmten Ferne, einer Mischung aus Sehnsucht und Erinnerung.

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Film schon gesehen, seine siebenundzwanzig Minuten gierig in mich aufgesogen habe. Es war Liebe auf den ersten Blick, damals in Oberhausen - ein kostbares Juwel inmitten einer Flut vordergründiger Bilder, vordergründiger Technik, vordergründiger Aussagen und Botschaften. Und es ist noch immer die große filmische Liebe, die größte in vielen Jahren.

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

Selten hat mich ein Film so beklommen gemacht. Selten habe ich nach einem Film gefühlt, daß man nun eigentlich selbst besser nie mehr einen Film drehen sollte. Einen Film, der einfach schlechter sein muß. Es hat lange gedauert, bis ich nach diesem Film zur Ruhe kam, andere Filme sehen, aufnehmen konnte. All dies hier zu sagen, ist sehr persönlich, intim, vielleicht sogar exhibitionistisch, ich weiß. Doch es ist genauso persönlich wie der Film.

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

Es ist schwer, verwegen, Superlative für Gefühle, Stimmungen, Nuancen zu finden. Der Film hat es verdient. Das liegt sicher nicht an seiner Geschichte: ein Mädchen will ihren Bruder irgendwo in einer Altstadt suchen. Sie verbringt einen Tag in dessen leerer Wohnung. Am Abend erscheint eine Farbige, die einzigen Worte des Films werden gewechselt, der Bruder ist gegangen. Als das Mädchen am Morgen aufwacht, ist sie allein, die Wohnung fast leer, der Bruder für immer fort.

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

Der Film ist nicht nur völlig offen in seinem Beginn und Ende, sondern auch in seiner Interpretation. Vielleicht sollte man ihn nicht einmal interpretieren, weil dies ein Entkleiden und Sezieren bedeutet. Da ist am Anfang ein Flughafen im winterlichen nirgendwo, eine Maschine landet, Motoren werden abgestellt, wartende Passagiere, tanzende Mädchen, ein Wetterballon steigt in den Himmel. Ein Passagier wirft entnervt den Fotoapparat auf den Boden und verschwindet. Ein Mädchen schaut zu, die Hauptperson des Films, die Geschichte beginnt. Am Ende läuft dieses Mädchen aus dem Haus, fast vor einen VW-Bus, der dann weiterfährt, während sich die drei weiblichen Insassen Fotos zeigen, schließlich den Wagen mit einer Plane verdecken. Dunkel. Ende.

Dazwischen Symbole, Andeutungen, schwer zu interpretieren, weil sie so leicht erklärbar scheinen.

Ein erster Rundgang in der verlassenen Wohnung: malerisch verstreute Kleidung, Essensreste, umgestürzte Möbel, geöffnete Koffer, Zeichnungen, Skizzen, ein Jagdgewehr mit Zielfernrohr, im Waschbecken mehrere Pakete Camel, eine Spritze, ein Exemplar „Le Figaro“. Ein zweiter Rundgang: eine Eingeborenenmaske, skizzierte Flugrouten, ein Pilotenhandbuch, Computerlisten, technische Geräte, ausländische Pässe gleich in fünf Exemplaren, australische Flugtickets, ein Stich einer arabischen Dhau. Fast alles davon ist verschwunden, als das Mädchen am Morgen erwacht, auch die Spritze im Waschbecken.

Was könnte man interpretieren? Birgt der erste Rundgang Anzeichen einer kriminellen Handlung, eines Verbrechens? Der zweite Rundgang Anzeichen einer Reise in exotische Länder, eines Aussteigens aus dem Alltag, der industriellen Gesellschaft? Verknüpft sich beides zu einer Flucht in die Freiheit oder zu einem Aussteigen aus der Gesellschaft? Zu einem Ausflippen westlichen Zuschnitts oder einem hippiehaften Absetzen in Naturräume angeblich noch intakter Gesellschaftsformen?

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

Viel von der Schönheit des Films und seiner schwierigen Deutbarkeit machen zwei Träume aus, lange, ausführliche Bilderketten montiert aus altem Wochenschaumaterial und Kulturfilmen. Auch sind sie deutlich unterschiedlich, vereint nur in ihrer ästhetischen Nostalgie.

Der Traum im Mittagsschlaf: ein rasender Zug, Stahlkonstruktionen, Arbeiter an Kaianlagen, Kulihaft, sklavenhaft, ein Raddampfer, Schiffe, dann Kriegsschiffe, ihre Ausfahrt. Schlachtschiffe in langer Reihe, feuernde Geschütze, detonierende Seeminen, hoher Seegang, vereiste Takelage. Ein Bild wie aus der Seeschlacht im Skagerrak. Ein Schlachtschiff sinkt langsam, Matrosen, die sich festkrallen, ins eiskalte Wasser springen, als das Schiff kentert, sich dreht, kieloben schwimmt. Eine letzte Fontäne. Ein Admiral geht prunkvoll an Bord.

Der Traum in der Nacht: Flugaufnahmen über Urwald, Wüstengebieten, nebelverhangenen Tälern. Ein Vulkan, Sanddünen, ein Kral. Ein Faultier klettert auf eine Palme, ein Mungo beißt eine Schlange, Medizinmänner beim Tanz, Neger zwischen bizarren Lehmhütten, rauhe Brandung, Sturm in Bäumen. Ein Gewitter, dann Regen, Regen, Regen, Rinnsale, Bäche, reißende Ströme, ein Wasserfall. Überschwemmungen schließlich, unterspülte Geleise, verlassene Straßenbahnwaggons in Wasserwüsten inmitten einer Großstadt. Ansätze zu einer Interpretationsmöglichkeit?

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

Der Abschiedsbrief des Bruders ist Kernstück des Films, hat das Mädchen in die Stadt getrieben, bringt die Negerin in Zorn, verleitet sie zum heimlichen Lesen im Morgengrauen, als das Mädchen noch schläft. Ein brutaler Abschiedsbrief und dennoch voller Zärtlichkeit. „In a few days I`m moving on. I wanted to see you. But there is no time. Write to me. I won`t come home anymore. Life with mother may become a burden. So if you think so let her die. And if you fall in love, go off with him. Bye, frog princess, dear sis... Peter. Write to 27, Victor Hugo, c/o Morovicz“

So unbestimmt und doch ganz real, ohne Motivation, doch endgültig. Der mit Abstand längste Kommentar des Films, doch eingebunden in den nächtlichen Traum. Wenn die Stimme verstummt, kracht der Blitz, der Regenbeginnt.

Der Brief ist wie der Film: Traum und Realität, Andeutungen, Symbole, Vergleiche. Er bietet dem Zuschauer vieles, läßt ihm aber die Freiheit des Sehens, des Erfassens, des Denkens. Ein Film, der nicht nur vor den Augen abrollt, sondern auch im Kopf des Zuschauers. Ein Film auf der Suche nach Freiheit, Freiheit der Form, Freiheit des Inhalts, Freiheit der Aussage. Und nicht zuletzt auch Freiheit des Zuschauers. All das, was in seinen besten Zügen auch Antonionis BLOW UP auszeichnet, einen verwandten und dennoch gänzlich anderen Film.

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

PURPURSEGEL ist auch ein Spielfilm mit allem, was dazu gehört. Es wird sehr wenig gesprochen, dafür umsomehr in Gesten und Mimik ausgedrückt. Beispielhaft die Orangen-Szene. Die exotische Frucht war von dem Mädchen den ganzen Tag über nicht angerührt worden. Vielleicht weil sie zu kostbar ist? Erst die Negerin entblättert sie kunstvoll wie eine Blume, gemeinsam verspeisen sie die Frucht. Wortlos spielt sich in den beiden Gesichtern ein kleiner Film ab, das bisherige Mißtrauen einerseits und das Unverständnis andererseits lösen sich auf, es kommt zu einer Vertrautheit zwischen beiden, sogar kleinen Frustrationen und überschwenglichem Genießen. Eine wortlose Gemeinsamkeit wird deutlich.

Selten einmal kann man in einem Kurzfilm von einer mißlungenen oder gelungenen Besetzung sprechen. Anna Petri als Hauptdarstellerin ist einfach fantastisch. Überzeugend ihr Schwanken, dem Alter entsprechend, zwischen Kind und Frau. Und dennoch nicht in die modische Rolle der Kind-Frau verfallend. Sie ahnt so vieles, aber weiß noch ganz wenig. Da ist die kurze Szene, als sie fraulich-zufrieden ihre nackte Brust im Spiegel betrachtet, aber direkt danach kindlich-übermütig einen Salto im Bett schlägt. Oder der Wunsch, dem Bruder in seine Erwachsenenwelt zu folgen, der sie doch verängstigt-fassungslos gegenübersteht.

Andere kleine atmosphärische Gesten bleiben in tiefer Erinnerung. Im Cockpit des Flugzeugs zu Beginn, als sich unter der Fliegerkappe des Piloten ein Mädchenkopf herausschält, mit einem kurzen Schütteln der langen Haare, und der ansonsten unsichtbare Co-Pilot einmal kurz und zärtlich durch diese Haare streicht. Oder der gepustete Handkuß der Fahrerin des VW-Bus am Schluß, als das Mädchen fast vor den Wagen gelaufen wäre.

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

Ein leiser Film, im wahrsten Sinne des Wortes. Fast die Hälfte der Zeit mit einem Originalton an der Grenze zum Schweigen, wortloser Stille. Und selbst die immer wiederkehrende Musik von Steve Reich (aus seinem Music for 18 Musicians) ist effektvoll mit O-Ton angereichert. Schon die Tonmontage am Anfang weckt Erwartung und Spannung. Das vieldeutige Flugzeugmotorengeräusch geht über in das rhythmische Klatschen der tanzenden, wartenden Passagiere der Flughafenhalle, in das langsam Steve Reich`s Musik eingeblendet wird. Überhaupt trägt Steve Reich wesentlich zur suggestiven Wirkung des Films bei. Niemand der gegenwärtigen Komponisten von E-Musik gestaltet solche Klangteppiche aus westlichen und östlichen Elementen. Niemand erzeugt solche Spannung mit so minimaler Progression. Es ist eine Musik wie der Film, eine Synthese aus Traum und Realität, aus westlicher Gegenwart und östlicher Erwartung, von Spannung und Entspanntheit. Und damit ein Bogen zwischen der Gegenwart des Mädchens und der fremden Welt des Bruders.

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

Es ist nicht leicht, mich zu entscheiden, welches Einzelelement meine Liebe zu diesem Film am meisten ausmacht. Visuelle Komposition? Besetzung? Musik? Thematik? Die unaufdringliche, doch sehr nuancenreich-bewußte Regie von András Mesz? Wirklich schwer. Müßte ich mich dennoch entscheiden, so ist es wohl die Kamera von Miklos Jáncso jr. Die Kamera scheint im Film zu leben. Mal statisch-erwartungsvoll, mal entfesselt wie bei der Suche nach dem schrillenden Telefon. Die Bilder sind von ungeheurer Dichte und Atmosphäre, sanft in ihren Farben, selbst in den Nebensächlichkeiten nuancen-setzend. Selten habe ich so farbige, beherrschte Schneeaufnahmen gesehen, selten auch das Lichtproblem bei gleichzeitiger Darstellung von Innenraum und Außenwelt so gut gelöst empfunden. Und die Kamerarbeit bleibt nicht im konventionellen des Farbeindrucks, aneinandergereihte Ansätze von Kamerafahrten, Glas gebrochene Bilder und Eindrücke. Fast experimentelle Ansätze also. Ich kann mir kein größeres Lob vorstellen: Sollte ich jemals einen Spielfilm drehen, möchte ich diesen Kameramann zur Mitarbeit gewinnen Können.

Ein Purpursegel in weiter Ferne.

Bericht 26. Westdeutsche Kurzfilmtage Oberhausen 1980 
© Ingo Petzke 1980

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