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Mit der Verleihung gleich zweier Hauptpreise an Experimentalfilme bei den diesjährigen Kurzfilmtagen durch die Internationale Jury hat Oberhausen wieder Anschluß gefunden auf einem Gebiet des Films, das jahrelang in diesem "Mekka des Kurzfilms" kaum zu finden war und von den verschiedenen Jurys vielleicht sogar bewußt übersehen wurde. Diese Preisvergabe hat sicher eine Signalwirkung nicht nur für Experimentalfilme. Sie ist, zusammen mit anderen ausgezeichneten Filmen, ein sicheres Indiz dafür, daß der Direktor des Festivals, Wolfgang Ruf, versucht, Oberhausen wieder für alle Gattungen des Kurzfilms zu öffnen und somit interessanter zu gestalten. Nur so haben die Kurzfilmtage auch in Zukunft eine Chance, sich neben den immer zahlreicher werdenden spezialisierten Festivals zu behaupten. Wichtigster Beitrag war TRANSFORMATION BY HOLDING TIME des Holländers Paul de Nooijer: Die Kamera zeigt zunächst einen Raum mit einem weiblichen Modell auf einem Sofa. Dieses Modell wird von einem Fotografen abgelichtet und die so entstandenen Fotos, 15 an der Zahl, auf eine Glasplatte vor die Kamera geklebt, bis nur noch diese Bilder zu sehen sind. Jeweils fünf Fotos von Oberteil, Mitte und Unterkörper des Modells, und diese jeweils vom linken Profil über Frontalansicht bis rechtem Profil reichend, werden zu dem Mosaik des Mädchens zusammengesetzt. Aus einem dreidimensionalen Gegenstand wird so eine zweidimensionale Abbildung, die dennoch alle drei Dimensionen berücksichtigt. Der besondere Pfiff des Films ist die Tatsache, daß die Fotos mit Polaroidfilmen des Typs SX 70 gemacht werden. So entsteht nicht nur eine spannende Wechselwirkung zwischen zwei unterschiedlichen Medien, vielmehr führt die sichtbare Entwicklung der Fotos vor der Kamera dazu, daß das fertige Mosaik im zeitlichen Ablauf erst allmählich seine endgültige Gestalt annimmt. Räumliche und zeitliche Einheit des Films, eine überzeugend umgesetzte neue Idee und nicht zuletzt die Länge von nur vier Minuten machen diesen Beitrag auch für Zuschauer genießbar, die nicht von vornherein für ästhetische und formale Innovationen ansprechbar sind. Der Applaus des Publikums bewies dies nachdrücklich. Auch der zweite prämiierte Beitrag stammt aus den Niederlanden, EASY ACTION ANIMATED von Karin Wirtz und Jacques Verbeek. Dieser Film ist an der Grenze zur Animation angesiedelt, die gerade bei den diesjährigen Experimentalfilmen nicht immer eindeutig zu bestimmen war. Aus rund 3000 Fotos eines Mannes und einer Frau, die in einem Raum gehen, der sich dreht und in dem stets Wände auf- und abgebaut werden, ergibt sich in der Animation ein Fluß von Bewegungen, in denen mit rhythmischer Rasanz eine Anthologie filmischer und technischer Formen abgehandelt wird. Immer wieder hört man gerade beim Oberhausener Publikum den Vorwurf, der experimentelle Film sei zu selbstgenügsam, er solle doch seine neu entwickelten Formen und Techniken, bitte schön, endlich auf andere Filmformen und Inhalte übertragen. Zwei erstklassige Beispiele für solche Übertragungen jedoch wurden in diesem Jahr vom Publikum und leider auch den insgesamt sieben Jurys übersehen. Dore O.‘s FROZEN FLASHES, immerhin bundesrepublikanischer Beitrag im internationalen Wettbewerbsprogramm, schafft exemplarisch eine Atmosphäre undefinierbaren Schreckens und schaudernder Erwartung, wie sie viel zu selten im Spielfilm zu finden ist. Nacht, zwei Menschen vor einem Kamin, ein Fenster ins Dunkel, Stiefel in Großaufnahme, ein Ruderboot, nebelumspielt auf nächtlichem See - Elemente, als könnten sie von Dreyer stammen, in einer freskenhaften Form, die an den bürgerlichen Roman des 19. Jahrhunderts und da besonders an Emily Bronte erinnern. Technisch ist das Neuartigste dieses Films die ausschließlich mit einem Blitzlicht vorgenommene Belichtung. Je nach Stellung der Flügelblende in der Kamera wurden so mindestens ein halbes Einzelbild, höchstens vier Einzelbilder belichtet. Das so gewonnene Ausgangsmaterial hat Dore O. über einen Analyseprojektor, der variable Geschwindigkeiten zwischen zwei und 18 Bildern erlaubt, auf eine Leinwand projeziert und erneut abgefilmt, um zeitliche Dehnungen und Wiederholungen zu ermöglichen. Das Ergebnis ist, trotz eventuell diskutabler Länge des Films, eine kleine Kostbarkeit und als solche vielleicht fast notwendigerweise untergegangen. Die Übertragung zum Dokumentarfilm leistete der Australier Mark Stiles mit MAXIMUM SECURITY. Der 19-minütige Film besteht aus einer einzigen Kamerafahrt durch den fenster- und fast lichtlosen Korridor eines uralten Gefängnisses, der den Charakter unterirdischer Festungsanlagen aufweist. Dazu hört man auf der Tonspur Berichte ehemaliger Gefangener, die über die psychischen Auswirkungen des Eingesperrt-Seins berichten. Beklemmende Enge, Druck, Einsamkeit, Verlassenheit und Lichtlosigkeit, das Fehlen jeder Hoffnung und die daraus resultierende psychische Erschöpfung, Zusammenbruch und in einzelnen Fällen gar Selbstmord sind selten in so eindringlich beklemmender optischer Darstellung auf die Leinwand gebracht worden. Auch dieser Film hätte in Oberhausen ein besseres Schicksal verdient gehabt. Wirkliche Kostbarkeiten und eine überquellende Fülle überzeugender Kreativität gab es im Sonderwettbewerb “Mein Fenster” zu sehen, den das Festival zu diesem Thema für Filme mit einer Maximallänge von drei Minuten ausgeschrieben hatte. Hier tummelten sich nicht nur bekannte Namen, hier konnte man auch auf neue Namen und Ansätze stoßen, die für die nächsten Jahre viel versprechen. Aus Gesprächen konnte man immer wieder heraushören, daß viele Zuschauer und auch Jurymitglieder bedauerten, daß diese Filme nicht im eigentlichen Wettbewerb liefen. Als Gesamtprogramm gesehen gab es mehr an überzeugenden Einfällen aus allen Sparten des Kurzfilms als in den meisten offiziellen Programmen, gerade auch beim Experimentalfilm, selbst wenn keiner mit einem der drei Sonderpreise ausgezeichnet wurde. Mögliche Gründe dafür siehe oben. Wolfgang Ruf sollte diese Idee fortsetzen. Sie ist auch für den oft belächelten “Taschengeldfilmer” ökonomisch erschwinglich und ermuntert im weitesten und besten Sinne zum Herumexperimentieren. Auch im experimentellen Bereich waren die großen Innovationen in Oberhausen nicht zu finden. Dies mag an der überall konstatierten Krise des Kurzfilms allgemein liegen. Es kann an den Filmemachern liegen, die nach jahrelangen Erfahrungen ihre Filme nicht mehr nach Oberhausen geben mögen, wo sie nur als schmückendes Beiwerk, als Feigenblatt für den Pluralismus des Festivals ohne echte Chance auf Anerkennung dienten. Es kann auch an den Auswahlkommissionen liegen, die vielleicht guten Willens, doch hilflos einer zugegebenermaßen oft schwierigen Kurzfilmsparte gegenüberstehen. Das Ergebnis ist dann eher die Auswahl optisch gefälliger Filme als solcher mit wirklich neuen formalen und technischen Ansätzen. Die nächsten Kurzfilmtage werden zeigen, ob die diesjährige Preisvergabe Filmemacher und Auswähler ermuntert, den Zustand der Unterrepräsentierung zu überwinden.
MEDIUM, Frankfurt, Nr. 6, Juni 1979
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